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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Amerikanischen von Hannes Riffel
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
Stephen King verlockt Menschen zum Lesen, die es sonst nicht täten, weil es ihnen zu langweilig ist.
Die Lebensgeschichte des amerikanischen Schriftstellers Stephen King ist eine der sensationellen Erfolgsgeschichten, die die Amerikaner so lieben - und wir natürlich auch.
Er kam aus schwierigen Verhältnissen, sein Vater verließ die Familie, als er zwei Jahre alt war, die Mutter musste unter unglaublichen Mühen ihre beiden Söhne allein ernähren.
Stephen King fängt früh an, Sciencefiction-Geschichten zu schreiben, wird Englischlehrer, arbeitet nachts zusätzlich in einer Wäscherei, schreibt einen Roman, den seine Frau aus dem Mülleimer rettet und für dessen Taschenbuchrechte Stephen King 400.000 Dollar bekommen wird. Seitdem sind alle seine Romane Bestseller. Nun ist wieder ein neuer Stephen King auf dem Markt: "Joyland".
Das Buch spielt in den 70er-Jahren. In einem Vergnügungspark trifft ein untergetauchter Mörder auf ein Kind.
Bei uns im Norden nennt man es Spökenkiekerei: Eine Geschichte, in der das Grauen im fröhlichen Alltag lauert, düstere Ahnungen das Leben durchstreifen und eine Botschaft aus dem Jenseits das Schlimmste verhütet.
Stephen King erzählt eine Coming-of-Age-Story - wie das heute im Buchhandel gern genannt wird: Ein Roman, der vom Erwachsenwerden handelt. Er tut es brillant, raffiniert und gekonnt kurz. Wer überdimensional aufgeblähte amerikanische Gegenwartsromane nicht mehr lesen möchte, könnte an Stephen Kings solide gebauten 350 Seiten seine Freude haben.
Leseprobe:
"Ich besuche einen Kollegen aus dem Park. Er hatte heute einen Herzinfarkt." "Du meine Güte. Das tut mir leid. Kommt er durch?"
So knappe, realem Sprechduktus perfekt abgelauschte Dialoge transportieren die Geschichte rasant weiter. Der Plot geht in groben Zügen so: Der 21-jährige Devin Jones hat nur noch seinen Vater, dem er auf keinen Fall Sorgen bereiten möchte; seine Mutter ist früh an Krebs gestorben.
Devin erlebt im College zum ersten Mal heftigen Liebeskummer und um darüber hinweg zu kommen, ist ihm die wirklich ungeheuer harte Arbeit in einem Vergnügungspark gerade recht. Im Hundekostüm bei brüllender Hitze Kinder zum Lachen bringen - das erlaubt keinen Gedanken mehr an die treulose Freundin.
Er lernt eine Frau namens Annie kennen, deren kleiner Sohn unheilbar krank ist und noch einmal in seinem Leben ins Joyland möchte. Um die Liebesgeschichte zwischen Annie und Devin herum sind eine Mordermittlung und eine Gespenstergeschichte gebaut. Im Vergnügungspark wurde vor Jahren eine Frau in der Geisterbahn ermordet. Der Geist der Frau erscheint jedem, der todgeweiht ist, als Zeichen.
Annie wird Devins erste Geliebte und er verschafft dem todsterbenskranken Mike einen wundervollen Tag im Joyland. Mike findet aber auch entscheidende Hinweise zur Aufklärung des Mordfalls. Nach Mikes Tod kümmert Devin sich um dessen Mutter:
Leseprobe:
"Annie, was kann ich für dich tun? Ich tu alles. Ganz egal, was." Sie erklärte es mir.
Devin wird ihr helfen, Mikes Asche mit seinem Drachen am Strand zu verstreuen.
Der Mörder im Roman ist, wie es der große Kriminalschriftsteller Chesterton empfahl, im Licht versteckt, also von Anfang an da, und die Gespenstergeschichte wird zu einer Erlebnis für alle, die finden, dass es zwischen Himmel und Hölle eine Menge unerklärlicher Dinge gibt.
Wir alle wissen nicht, wer in hundert Jahren die Literaturgeschichte Amerikas bestimmen wird. Zum Beispiel der Engländer Charles Dickens war zu Lebzeiten ein belächelter Unterhaltungsschriftsteller. Vielleicht bleibt Stephen King. Er verlockt Menschen zum Lesen, die es sonst nicht täten, weil es ihnen zu langweilig ist.
Leseprobe:
"Es kam alles sehr plötzlich", sagt sie. Dann ganz leise: "Es tut so weh."
Solche Dialoge muss man können, um in Leserherzen zu wohnen.

Stephen King, aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel