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Link in neuem Fenster öffnenVorgestellt von Susanne Neumann
Kurze Geschichten über einen großen Kanzler - überraschend, lustig und aufschlussreich.
Er ist einer der bekanntesten Deutschen. Wenn er sagt, Peer Steinbrück kann Kanzler, dann hören die Leute zu. Dauerpräsent in den Medien, obwohl er diese Woche 94 Jahre alt wird: Helmut Schmidt - Altkanzler, Herausgeber der ZEIT, Kettenraucher.
Der Journalist Jost Kaiser hat jetzt versucht, hinter das allseits Bekannte zu blicken und ein kleines Buch mit kleinen Geschichten über einen großen Mann herausgegeben: "55 Dinge, die Sie garantiert noch nicht über Helmut Schmidt wussten".
Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt in der ARD-Sendung "Beckmann".
Wussten Sie, dass Helmut Schmidt, wenn er gut gelaunt war, durchs Fenster ins Palais Schaumburg einstieg? Dort war bis 1976 das Kanzleramt untergebracht. Oder dass der Secret Service beim Essen mit US-Präsident Jimmy Carter mal das komplette Service absuchen musste, weil Schmidts Uhr weg war? Dass der Altkanzler sich seit 2004 in Hamburg in einem Rockabilly-Laden die Haare schneiden lässt? Oder dass er 1989 vor der Hamburger SPD-Parteizentrale den Trabi-Reisenden unermüdlich Kaffee für umsonst ausgeschenkt hat?
Leseprobe:
"Vielleicht will er sich ja revanchieren: 1981, beim Besuch in Güstrow, hatte ihm Erich Honecker ein Bonbon geschenkt."
Das muss man natürlich auch alles nicht wissen - und nicht alle Geschichten sind gleichermaßen interessant. Aber "55 Dinge, die Sie garantiert noch nicht über Helmut Schmidt wussten" ist ein Buch zum Immer-wieder-mal-durchblättern, das Spaß macht. Natürlich auch, weil Schmidt-Schnauze so unterhaltsam ist. Zum Beispiel, wenn er die japanische Bescheidenheit nicht versteht.
Altkanzler Helmut Schmidt, aufgenommen am 02.07.2012 während der 60-Jahr-Feier der Atlantik-Brücke in Berlin.
Leseprobe:
"1976 eröffnet der japanische Premier Masayoshi Ohira das Treffen sinngemäß mit den Worten: "Entschuldigen Sie, ich verstehe nicht viel von der Sache und fühle mich ihr nicht gewachsen." Schmidt bleibt ratlos zurück. Er versteht nicht, dass Ohira sich selbstverständlich genauso kompetent fühlt wie Schmidt, anders als dieser es aber nicht jedem ständig sagt. Beim Weltwirtschaftsgipfel in Venedig sitzt Schmidt neben einem ihm unbekannten japanischen Spitzenbeamten. Der Mann redet den ganzen Tag nicht und lächelt nur. "Halten Sie für möglich, dass er intelligent ist?" fragt ein zermürbter Schmidt am Ende eines langen schweigsamen Tages einen anderen Teilnehmer der Sitzung."
Jost Kaiser hat jahrelang als politischer Journalist für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die ZEIT geschrieben. Jetzt ist er Textchef bei der Männerzeitschrift GQ. Und das merkt man. Diese kurze Form, eine Geschichte aufzubereiten - die liegt ihm. Kaum eine der Miniaturen in diesem ohnehin kleinformatigen Buch geht über drei Seiten.
Leseprobe:
"Beten Sie?" wird der Altkanzler 2011 gefragt und mit der Antwort zitiert: "Ich führe keine Selbstgespräche."
Die Miniaturen sind witzig geschrieben, mal kommentierend, immer pointiert. Mit Respekt vor Helmut Schmidt, aber auch einem liebevollen Aufzeigen seiner Schwächen. Denn die hat selbst der größte aller großen lebenden Altkanzler.
Leseprobe:
"Beim Kanzlerfest im Garten der Regierungszentrale lässt Kühn allerlei lustiges Gerät aufstellen, darunter eine "Witzmaschine", die nach Geldeinwurf Kanzlerkalauer vom Tonband ausspuckt. Eigentlich macht der Kanzler vor Beginn des Festes einen Rundgang und nimmt die Vergnügungen ab. Ehe es losgehen soll, nimmt aber Loki Schmidt Kühn beiseite: "Herr Kühn, wir machen das mal zusammen. Der Helmut hat doch so gar keinen Humor."
Das Hörbuch, das Jörg Thadeusz liest, gibt es bei Randomhouse Audio für 10 Euro.

Jost Kaiser