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Link in neuem Fenster öffnenDie Religion steht unter Verdacht. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 meinen viele, dass Religionen vor allem Gewalt in die Welt bringen. Debatten über Moscheen, Kopftücher und konservative Päpste werden leidenschaftlich geführt. Der Journalist Jan Roß hat jetzt ein Buch geschrieben, in dem er die Religion in Schutz nimmt: "Die Verteidigung des Menschen. Warum Gott gebraucht wird".
Von Daniel Kaiser, NDR
Das Buch "Die Verteidigung des Menschen. Warum Gott gebraucht wird" von Jan Roß ist im Rowohlt Verlag erschienen.
Das Ansehen der Religion hat gelitten. Immer mehr Menschen halten sie für rückständig und unterdrückend. Die jüngste Debatte über Beschneidungen hatte bisweilen aggressive anti-religiöse Züge. Und da kommt Jan Roß von der "Zeit" mit seinem flammenden Plädoyer für den Glauben. Er argumentiert folgendermaßen: "Ich glaube, dass der Kern von Religion verkannt wird in dieser Angst und auch in dieser teilweise heftigen Aggression. Nämlich, dass Religion wesentlich nicht nur zum Menschen gehört - also seit es ihn gibt, ist er religiös, menschheitsgeschichtlich -, sondern auch zum Menschen beiträgt, also ihn stark macht und ihn tief macht."
Es wäre ein Fehler, aus Angst vor Extremismus ganz auf Religion zu verzichten, schreibt Roß. Sie erst stelle den Menschen in einen großen sinnstiftenden Zusammenhang: "Es bedeutet, dass der Mensch nicht völlig aufgeht in der Realität, in der er lebt, in den Machtverhältnissen, sogar in der physikalischen Realität. Es ist eine Dimension von Freiheit und eine Dimension von Weite."
Doch Religionen setzten falsche Prioritäten, schreibt Roß. Stichwort "Sex": "Ich finde das verrückt. In der Bibel spielt die Sexualmoral keine wahnsinnig zentrale Rolle, auch in den heiligen Texten anderer Religionen eigentlich nicht. Irgendwie hat es aber der Klerus geschafft, daraus eine Hauptsache zu machen."
Wenn sich die Kirche aus den Schlafzimmern heraushalten würde, wären viel Kraft und Glaubwürdigkeit für wirklich wichtige Themen gewonnen, meint Roß: "Der Aufwand, den die katholische Kirche betreiben muss, um ständig über diese Fragen wie Pillenverbot, Schwulenehe und dergleichen zu reden, der hat zur Folge, dass sich die säkulare Gesellschaft auch ständig damit beschäftigen muss. Wenn das Stichwort Kirche fällt, wächst das Bedürfnis, diesem Schwachsinn zu widersprechen."
Roß ist kein Theologe. Bei der "Zeit" schreibt er über Außenpolitik. Sein Buch ist keine Predigt, sondern eine spannende, intelligente Verteidigung der Religion. Er erklärt Glauben in unserer Zeit mit Hilfe der Kulturgeschichte und erläutert, wie gerade der Monotheismus den Menschen zu Besserem antreibe.
"Der Glaube an den einen Gott gibt den Menschen die Kraft, die Wirklichkeit zu verändern. Die vielen Göttern sind so eine Art Überhöhung der Wirklichkeit. Der eine ist für die Liebe zuständig, der andere für den Wein, der dritte für den Krieg und so weiter. Die Wirklichkeit spiegelt sich noch mal in der Götterwelt. Der eine Gott ist der, der sagt: Du musst etwas ändern! Dieses Moment, dass Religion etwas ist, das der Welt, wie sie ist, etwas anderes gegenüberstellt, politisch gesprochen ein utopisches Moment, das ist ganz eng mit dem Gedanken des einen Gottes verbunden. Darum ist es trotz aller Intoleranz-Gefahren eine große Errungenschaft."
Gläubige will Jan Roß nicht unbedingt erreichen. Denen wäre sein Buch wohl nicht fromm genug. Auch bei beinharten Atheisten hätte er wohl keine Chance, meint der Journalist und Autor: "Ich meine den freundlich Suchenden. Ich glaube, es gibt viele Menschen, die die Fragen stellen, auf die die Religion eine Antwort versucht, die aber nicht darauf kommen, dass die Religion die Antwort sein könnte. Die Verbindung herzustellen zwischen der Welt der Fragen und der Religion als der traditioneller Art zu antworten - das wäre eigentlich so das Projekt.“

Jan Roß