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Link in neuem Fenster öffnenVon Katja Eßbach, NDR Info
Das Buch "Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion" ist im Rowohlt Verlag erschienen.
Die Sowjetunion, das gelobte Land. So empfindet es der 16-jährige Wolfgang Ruge, als er 1933 nach seiner Flucht vor den Nazis sowjetischen Boden betritt. Ruge war in seiner Heimatstadt Berlin Mitglied kommunistischer Kindergruppen gewesen, sein Vater ist Kommunist der alten Schule. Aber im gelobten Land spitzt sich die politische Situation in den kommenden Jahren zu.
Es ist die Zeit des stalinistischen Terrors, der sogenannten Säuberungen. Der Autor wird diese Säuberungen noch unbeschadet überstehen, aber dann überfällt Deutschland die Sowjetunion. "Deutschland ist nicht gewillt dieser ernsthaften Bedrohung seiner Ostgrenzen tatenlos zuzusehen. Der Führer hat daher nunmehr der deutschen Wehrmacht den Befehl erteilt dieser Bedrohung mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenzutreten", sagt Außenminister Joachim von Ribbentropp am 22. Juni 1941. Alle Deutschen müssen in den folgenden Wochen die sowjetischen Gebiete westlich des Urals verlassen. Ruge wird nach Kasachstan deportiert.
Der Autor hat früh begonnen, seine Erinnerungen an die Zeit in der Sowjetunion aufzuschreiben. Aber natürlich war es undenkbar, dass seine Aufzeichnungen damals in der DDR, wo er ab 1956 lebte, jemals veröffentlicht werden könnten. Erst 2003 erscheinen sie als Buch, ohne Anmerkungen, mit zahlreichen Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten, auf dem Wissensstand der 80er-Jahre.
Sein Sohn Eugen Ruge hat nun alle Texte überarbeitet, er hat gekürzt, sprachliche Unsauberkeiten behoben, hat Anmerkungen und Erklärungen eingefügt. Und vor allem hat er neueste Erkenntnisse aus kürzlich geöffneten russischen Archiven eingefügt. Kurz: Eugen Ruge hat das Buch auf einen aktuellen Stand gebracht.
In Wolfgang Ruges Zug im September 1941 nach Kasachstan sitzt übrigens auch der Publizist Wolfgang Leonhard. Er schildert die Situation von damals so: "Ich befand mich plötzlich außerhalb Moskaus in einem Güterbahnhof, umringt von sowjetischen Soldaten mit Maschinengewehren und wurde dann in einen riesigen Güterzug gebracht. Pro Wagen 80 Personen, wir saßen so gedrängt. 21 Tage von Moskau nach Nordkasachstan zwangsumgesiedelt."
In Kasachstan lebt Ruge nur ein paar Monate, dann wird er als Arbeitsarmist in einem Straflager im Nord-Ural interniert. 16 Jahre wird Wolfgang Ruge im Lager und in der Verbannung leben. Diese Zeit beschreibt er nüchtern, manchmal fast unbeholfen. Doch durch jeden seiner Sätze scheinen das Elend und die Verzweiflung durch. Es gibt so wenig zu essen, dass die Gefangenen sich sogar über einen verseuchten und halbverbrannten Pferdekadaver hermachen.
"Meinen Vorsatz, das Fleisch recht lange zu kochen, kann ich (...) nicht ausführen (...) Also beschließe ich, es so zu verzehren, wie es ist. Ich bleibe einen Tag (...) auf meiner Pritsche liegen und beiße, den Kopf unter der Decke verbergend, ein Stück nach dem anderen ab." (Buch-Zitat)
"Gelobtes Land" von Wolfgang Ruge ist einer der wenigen Zeitzeugenberichte aus sowjetischen Arbeitslagern. Die meisten Überlebenden, besonders wenn sie in die DDR zurückkehrten, zogen es vor, zu schweigen. Das Buch ist ergreifend und der ganze Wahnsinn führt beim Leser zu einer Frage: Warum ging Ruge, nach seiner Freilassung, in die DDR?
Dazu schreibt sein Sohn Eugen:
"Wolfgang Ruge glaubt Anzeichen dafür zu sehen, dass der Aufbau einer wahrhaftig sozialistischen Gesellschaft beginnt. Er war überzeugt, dass der Stalinismus ein verbrecherisches System war, dennoch hat er den Glauben bewahrt an eine Gesellschaft ohne Konkurrenz, ohne erniedrigende Ungleichheit, ohne die Herrschaft des Geldes." (Buch-Zitat)
Die folgenden Jahre in der DDR werden Wolfgang Ruge eines Besseren belehren.

Wolfgang Ruge