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Link in neuem Fenster öffnenVon Sabine Rein, NDR Info
Das Buch "Gefährliche Freiheit?" von Peter Asprion ist im Herder Verlag erschienen.
Dieses Buch ist eine Zumutung. Es beschäftigt sich mit Tätern. Nicht mit Opfern von Verbrechen, denen sowieso zu selten Aufmerksamkeit geschenkt wird. Aber das wirklich Provozierende an Peter Asprions Buch ist, dass er darin mehr Freiheit für Täter fordert. Und er fordert unseren Mut zum Risiko. Denn eine Gesellschaft ohne Verbrechen hält er ohnehin für eine Illusion: "Das wird nicht gehen. Jeder weiß, dass Dinge, die geschehen, geschehen werden. Wir werden es nicht zu 100 Prozent verhindert können. Weder mit Gutachten, noch mit Überwachung, noch mit Sicherungsverwahrung."
Asprion ist kein Hasardeur, kein Abenteurer. Aber er hat die Folgen jahrzehntelanger Haft und Sicherungsverwahrung in seiner Arbeit mit früheren Mehrfachtätern erlebt. Mit solchen, die nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte 2010 entlassen werden mussten. Zuvor war ihre Verwahrungszeit immer wieder verlängert worden.
"Absichtliches Zufügen von Leid, im staatlichen Auftrag, empört mich. Ich bin überzeugt, dass hier die Grundregeln der Menschenrechtskonvention den Einzelnen vor dem Staat und seinen ausführenden Organen schützen müssen." (Buch-Zitat)
Exemplarisch beschreibt Aspion die Geschichten zweier Männer, beide in problematischen Verhältnissen aufgewachsen. Gerhard Kraus und Ludwig Roser, wie der Autor sie nennt, sind mehrfach straffällig geworden, unter anderem wegen Vergewaltigungen verurteilt - Kinder gehörten nicht zu ihren Opfern.
Die Gutachten in ihrem langen Gefängnisleben sprachen immer wieder gegen die beiden, so Asprion: "Ich denke, dass die Gutachter versuchen, das objektiv zu handhaben. Nur: ich bezweifle, dass überhaupt jemand begutachten kann, was jemand morgen macht. Es gibt Gutachter, die sagen: 'Vier von fünf Gutachten sind falsch. Wir prognostizieren Gefahr, wo keine ist. Aber: lieber so, als anders. Weil, wenn ich positiv begutachtet habe und es passiert was, dann ist der Gutachter natürlich in der Kritik.'"
Aber schließlich machte das Straßburger Urteil ausreichend Druck. Kraus und Roser werden entlassen - ohne Vorbereitung, ohne Perspektive. "Hartz IV - Rente - Tod", sagt einer von ihnen über seine eigene Zukunft. Wohnung, Job, ein eigenes Konto - ein normaler Alltag mit neuen Kontakten, ist kaum möglich. Denn, so Peter Asprion: "Sie werden rund um die Uhr von mehreren Polizeibeamten bei all ihren Bewegungen begleitet. Das ist eine enorme Belastung. Sie haben keine Privatsphäre mehr."
Asprion fordert in seinem Buch stattdessen den Einsatz freier Straffälligenhilfe und forensische Ambulanzen, die die Entlassenen begleiten.
"Wir müssen uns den Menschen nähern, von denen wir Veränderung erwarten. (...) Wir müssen uns auf sie einlassen und sie eben nicht ausgrenzen und aus der Gemeinschaft verstoßen." (Buch-Zitat)
Asprion verweist auch auf die Statistik, die zeigt, dass die Zahl der Schwerverbrechen seit Jahren sinkt. Gleichzeitig steige aber die Angst. Er warnt vor einer Dämonisierung der Täter durch Politik und Medien: "Es gibt keine Monster. Das sind einfach Männer, die vielleicht benachteiligt waren oder aus welchen Gründen auch immer ihre schweren Taten begangen haben. Aber es sind keine Monster oder keine Bestien, man kann mit ihnen umgehen. Und die Erfahrung zeigt: je näher ich mich einem angeblichen Monster nähere, desto eher sehe ich, dass es keins ist."
Schwerkriminelle, Sexualverbrecher, Serientäter sind eine Zumutung für jede freie Gesellschaft. Das Buch von Peter Asprion fordert dazu heraus, Fragen zu den Grenzen des Wegsperrens zu stellen. Es ist ein wichtiges Plädoyer dafür, die Menschen hinter den Taten zu sehen. Und Verstand und Menschenrechte gegen Hysterie zu setzen.

Peter Asprion