Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenvorgestellt von Christiane Glas
Katalog zur Ausstellung im Kunsthaus Zürich
Seine Südseefantasien in Öl machten Paul Gauguin berühmt. Sie prägen das Bild des Künstlers bis heute.
Der Bildband "Paul Gauguin. Das druckgrafische Werk" versucht diesen einseitigen Blick etwas zu relativieren: Der gerade bei Prestel erschienene Band widmet sich einer Facette des Künstlers, die kaum bekannt ist.
Leseprobe:
"Schwarz. Fast das ganze Bild ist schwarz. Nur am rechten Rand lodert ein großes Feuer, greifen orangefarbene Flammen in den Nachthimmel. Drumherum aber herrscht Finsternis - aus der sich langsam Umrisse schälen: Von Menschen, die um das Feuer herum hocken."
Paul Gauguin schuf diesen Holzschnitt 1893. Erst kurz zuvor hatte er das Medium für sich entdeckt, mit dem er bis zu seinem Tod 1903 experimentierte, und durch dessen unkonventionelle Handhabung er zum Wegbereiter des Expressionismus wurde.
In orange-leuchtendes Leinen gefasst, stellt der Bildband ausführlich Gauguins Druckgrafik vor: Er widmet sich den Entstehungsgeschichten seiner Holzschnitt-Serien, erläutert einzelne Blätter, und veranschaulicht anhand unterschiedlicher Druckfassungen ein und desselben Motivs, wie Gauguin beispielsweise durch die leichte Verschiebung der Druckplatten bis dahin völlig unbekannte Bildwirkungen erzielte, etwa Unschärfen und räumliche Tiefe.
Gauguin, 1848 in Paris geboren, 55 Jahre später in Tahiti gestorben, lebte ein unstetes Leben: Er segelte als Marineoffizier um die Welt, machte als Börsenmakler ein Vermögen, wurde entlassen und verarmte. Aus existentieller Not verließ er Frankreich. 1891 erreichte er die französische Kolonie Tahiti, wo er mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tod lebte - gezeichnet von Ruhr, Malaria, Syphillis.
"Er wusste sehr genau, was ihn in Tahiti erwartete: Dass die westliche Zivilisation das Ideal paradiesischer Unschuld, das sie durch Kolonialismus und Christianisierung gnadenlos zerstörte, im larmoyanten Exotismus gleichzeitig erst erschuf, war in Paris längst ein müder Topos im intellektuellen Salon", schreibt der Kunsthistoriker Tobia Bezzola im Katalog.
Dennoch bediente Gauguin diesen Exotismus: Mit seinen Gemälden idealisierter Südseeszenen wurde er berühmt. Seine Holzschnitte waren dagegen kaum bekannt. Das verwundert nicht, denn sie wirken wie die düstere Kehrseite seiner Malerei.
"Was ich suche, ist ein noch nicht entdeckter Fleck Erde in mir selbst", notierte er in den 1890er Jahren - und zeigt Menschen, Götterfiguren, Feuer, Pflanzen. Er mischte Alltagsszenen, Mythen, Halluziniertes und Erlebtes, Geträumtes und Geahntes, Gehörtes und Erfundenes, riss und schnitt all dies grob ins Holz.
Die Bilder, die daraus entstanden, blieben unbestimmt und rätselhaft, so Tobia Bezzola: "Sie präsentieren nicht nur das vordergründig Fremde, sie stellen sich vielmehr der Selbstentfremdung, dem Uferlosen und dem Orientierungsverlust. Aus ihnen spricht die Ratlosigkeit im ästhetischen und sozialen Selbst-Asyl, die Gauguins Malerei in ihrer sentimentalen Klage abgeht.
Neben der schönen Aufmachung und der guten Druckqualität sind es kluge Texte wie der von Bezzola, die diesen Gauguin-Band zu etwas Besonderem machen.

Elizabeth Prelinger, Tobia Bezzola