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Vorgestellt von Susanne Neumann
Den Gang nach Canossa antreten - das sagt man bis heute, wenn jemand eine unangenehme Buße tun muss.
Dennis Gastmann hat sich auf nach Canossa gemacht - vielleicht als erster Deutscher zu Fuß.
Grundlage ist bekanntermaßen der Bußgang Heinrich IV.: Im Dezember 1076 brach der König von Speyer auf nach Canossa, um den Papst dazu zu bewegen, den Kirchenbann gegen ihn aufzuheben. Fast 1.000 Jahre später ist wieder ein Deutscher zu Fuß über die Alpen gezogen. Der Fernsehautor Dennis Gastmann, der für den NDR unter anderem das mehrfach ausgezeichnete Format "Mit 80.000 Fragen um die Welt" entwickelt hat. Susanne Neumann hat mit Dennis Gastmann über sein Buch "Gang nach Canossa. Ein Mann, ein Ziel, ein Abenteuer" gesprochen.
"Nach Canossa gehen. Einerseits war's eine fixe Idee. Ich hätte auch Eulen nach Athen tragen können vielleicht oder eine andere Redewendung wörtlich nehmen können. Andererseits, das gebe ich offen zu, wusste ich am Anfang nicht genau, warum ich losgehe. Ich hatte diese Idee, bin losgegangen, weil ich das Bedürfnis hatte, mal davon zu laufen und eine Pause einzulegen", erläutert Dennis Gastmann den Grund seiner Reise.
Laufen gegen den Fernsehstress. Gegen das Fiepen im Ohr. Gegen den Termindruck. Und außerdem soll es in Italien fabelhafte Tortellini geben. Drei Monate war der blonde Reporter mit den großen Kinder-Knopfaugen unterwegs. 999,9 km zeigt Google Maps an zwischen seiner Hamburger Wohnung und der Burg von Canossa. Luftlinie. "Die haben mich alle für verrückt erklärt. Auch alle Leute auf meiner Reise", erzählt Gastmann.
Weltreporter Dennis Gastmann - immer unterwegs, aber noch nie so allein, wie bei dieser Reise.
Dennis Gastmann ist nicht gerade der Sportlichste, sagt er selber. Und so lustig er auch schreibt: Man macht sich wirklich Sorgen um ihn beim Lesen. Verregnete Landstraßen ohne Seitenstreifen in der norddeutschen Tiefebene, kaputte Füße in Frankfurt am Main, Einsamkeitsattacken im romantischen Straßburg. Die Alpen immer drohend im Hinterkopf. Und das Vorbild: ein König, der Mägde geschändet hat, seine Schwester hat vergewaltigen und die Sachsen abschlachten lassen hat.
"Ich hatte auch nicht gewusst, dass dieser Mann mit dem Pferd unterwegs war, und das finde ich erst nach 1.000 Kilometer zu Fuß raus. Also, ich hab mit der Canossa-Koryphäe gesprochen, Stefan Weinfurter aus Heidelberg. Und ich sag: 'Herr Professor, ich gehe nach Canossa, ich bin der zweite Deutsche, der dort hingeht'. Und er sagt: 'Da brauchen Sie als allererstes ein Pferd'", so Gastmann.
Danach sind die kleinen Momente des Scheiterns - hier eine Bahnfahrt, dort eine Busfahrt, weil er eingeschneit ist oder die Füße nicht mehr mitmachen - zumindest nicht mehr so schlimm. Dennis Gastmann gibt sehr viel von sich preis. Drei Monate laufen - das ist auch eine psychische Extremsituation. Und man gewinnt den Reporter lieb auf den 300 Seiten durch Europa.
Er ist ein brillanter Beobachter, mit einem Hang zu kleinen Bösartigkeiten. Ob beim esoterischen Survivaltraining in Delmenhorst, bei den Zeugen Jehovas in der pfälzischen Provinz oder total deplatziert im Genfer Luxushotel Beau Rivage, in dem Uwe Barschel einst tot in der Badewanne lag. Und am Ende bezwingt er tatsächlich die Alpen und gelangt ins gelobte Land, in dem Zitronen und Tortellini blühen:
"Die Alten sitzen feixend auf den Piazzen und grinsen mich zahnlos an. Junge Typen im Italia-Anzug zeigen mit dem Siegesfinger auf mich und rufen 'Complimenti!' Und ich sauge alle Eindrücke in mich auf. Nicht nur mein Magen - auch meine Seele frisst sich durch dieses Land."
Gastmann erreicht die Burg am Pfingstsonntag. Wie der Kaiser vor der Tür im Büßerhemd muss er zum Glück nicht ausharren. (Holzstich: Der Gang nach Canossa von Heinrich dem IV.)
"Das Witzige war, dass an diesem Tag, es war Pfingstsonntag, ein Radrennen war in der Gegend um Canossa. Kurz vor der Burg war ein Ziel aufgebaut, und da hat mir tatsächlich jemand eine Banane und ein Wasser in die Hand gedrückt. Das war völlig surreal. Dann bin ich auf diese Burg hoch, am Aufgang waren überall Baustellen und Schutt und Dreck. Ich musste lachen, als ich oben war. Ich hatte sonst was erwartet, aber viel wichtiger war das innere Ziel, das ich erreicht habe."
Innere Ruhe. Zumindest kurzfristig. Denn in Hamburg ging es schnell wieder los mit dem Stress - auch, damit wir dieses zauberhafte Abenteuer-Buch lesen dürfen.

Dennis Gastmann