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Frauen im Kabarett der Weimarer Republik

vorgestellt von Claudio Campagna

Evelin Förster - Die Frau im Dunkeln (Cover) © Edition Braus Detailansicht des Bildes Komponistinnen und Textautorinnen, die im Genre Chanson, der Unterhaltungskunst und des Films gearbeitet haben. "Die Frau im Dunkeln" - so heißt eine Operette aus den 20er Jahren, zu der eine gewisse Eddy Beuth die Verse schrieb. Eddy Beuth kennen Sie nicht? Das ist kein Wunder. Sie ist eine von vielen Künstlerinnen im Kabarett und Unterhaltungsfach, die mittlerweile vergessen sind.

Die Schauspielerin, Chansoneuse und Forscherin Evelin Förster hat bei Recherchen in Bibliotheken, Sammlungen und Archiven an die 120 solcher Künstlerinnen ausfindig gemacht, die einmal sehr erfolgreich waren, heute aber kaum bekannt sind. In ihrer Kulturgeschichte "Die Frau im Dunkeln. Autorinnen und Komponistinnen des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935" stellt sie ein Auswahl vor.

Ein neuer Frauentyp

Es war ein neuer Frauentyp, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Szene betrat. Äußerlich erkennbar an Bubikopf und Damenhose, wollten die selbstbewussten jungen Frauen aus der häuslichen Enge heraus und strebten nach Unabhängigkeit. Viele übten einen Beruf aus. Und das Kabarett bot auch Schriftstellerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen die Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen. Das Kabarett, auch das war neu und bei den Zeitgenossen ebenso beliebt wie verschrien:

Leseprobe:
"Das Kabarett ist (...) dem Großstädter ein "tiefgefühltes" Bedürfnis geworden. Wenn er sich abends in einem der Modehotels den Magen mit Austern, Entrecôtes und einigen Flaschen Champagner gefüllt hat, ist er nicht imstande, sofort zu Bett zu gehen. Auch wenn er von einem Festessen kommt, von einer Hochzeit oder einer anderen gesellschaftlichen Verpflichtung, die leider schon um zwölf Uhr ihr Ende gefunden hat, ist er froh, einen Ort zu wissen, wo er sich noch geistig anregen kann.  (...) Gewöhnlich ist also der edle Großstädter und der noch viel edlere Herkömmling aus der Provinz (...) bereits in gehobener Stimmung, wenn er mit gerötetem Gesicht und weinseligen Augen auf das kleine Podest schaut, auf dem irgendeine liebendwürdige Vortragskünstlerin die Reize ihrer Stimme oder ihre sonstigen Vorzüge durch den Tabaksqualm jongliert."

Kabarett-Kultur boomt

Schriftstellerin Mascha Kaléko © Picture-Alliance/dpa Detailansicht des Bildes Die Schriftstellerin Mascha Kaléko Claire Waldoff war so eine Vortrags-Künstlerin und ein Star der boomenden Kabarett-Kultur. Sie komponierte, textete und sang, trat in verschiedenen Theatern und im Rundfunk auf. Und viele ihrer Lieder waren Hits.

Eine Vielzahl talentierter Künstlerinnen tummelte sich während der Weimarer Republik am Kabarett. Die Lyrikerin Mascha Kaleko steuerte zu manchem Chanson die Verse bei; Valeska Gert, die später auf Sylt das Nachtlokal "Ziegenstall“ eröffnete, erregte Aufsehen mit exzentrischen Tänzen. Erika Mann betrieb zunächst in München, dann in Zürich das Kabarett "Die Pfeffermühle". Und Marie Madeleine - eigentlich eine Baronin von Puttkammer - schockierte mit schwülen Phantasien.

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Ein Dachgeschosszimmer, in dem die Wände bunt bemalt sind. Auf einem grünen Wegweiser steht mit gelber Schrift "Ziegenstall". © NDR
 

Valeska Gert, die "Katze von Kampen"

Valeska Gert galt in den 20er Jahren als die modernste Frau der Welt. Die Tänzerin und Gründerin des Sylter Kabaretts "Ziegenstall" hatte ein turbulentes Leben. mehr

Evelin Förster, die Autorin des Buches "Die Frau im Dunkeln" spricht hier das frivole und politisch ziemlich unkorrekte Gedicht "Der Sklave" an. Für ihr Recherche-Projekt zu Autorinnen und Komponistinnen der Weimarer Zeit hat die Schauspielerin und Sängerin nicht nur Zeitschriften und Ton-Archive durchforstet, sondern selbst Stücke einstudiert und auf CD eingespielt.

Gut gemachtes Nachschlagewerk

Ihre Kulturgeschichte konzentriert sich nun vor allem auf die Biografien von knapp 20 Schriftstellerinnen, Tänzerinnen und Diseusen. Auf wenigen Seiten zeichnet sie deren Karrieren nach, etwa die von Marita Gründgens, die schon als Kind mit ihrem Bruder Theater spielte. Gustaf Gründgens wurde wesentlich bekannter, aber auch Marita war eine erfolgreiche Sängerin auf der Bühne und im Radio.

Etwas mehr dieser witzigen und geistreichen Lieder wären schön gewesen. Trotzdem ist die "Die Frau im Dunkeln" ein gut gemachtes und interessantes Nachschlagewerk voller Informationen zu Zeitschriften, Spielstätten und Künstlerinnen in Deutschland zwischen Jahrhundertwende und dem nazionalsozialistischen Regime. Die vielen Abbildungen von Jugendstil-Plakaten, sich lasziv bis burschikos gebenden Diven, Straßenzügen und prächtigen Cafés lassen das Bild einer flirrenden Großstadtkultur entstehen, die es so heute leider nicht mehr gibt.

Die Chanson-Text-Collage "Die Frau im Dunkeln" von Evelin Förster ist bei duo-phon-records erschienen.

Evelin Förster - Die Frau im Dunkeln (Cover) © Edition Braus

Die Frau im Dunkeln

Evelin Förster

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 9783862280575
  • Verlag: Edition Braus
  • Preis: 34,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 24.03.2013 | 17:40 Uhr

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Weimarer Republik

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Am 09.11.1918 wird - nach einem verlorenen Krieg - die Republik ausgerufen - im nachhinein als Weimarer Republik genannt. Die junge Republik beginnt mit unruhigen Zeiten und endet 14 Jahre später.

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