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Link in neuem Fenster öffnenVon Katharina Mahrenholtz
Mit dem Buch "Ein Tiger kommt zum Tee" werden englische Kinder groß.
In Deutschland kennt man die Schriftstellerin Judith Kerr nur durch ihr autobiografisches Kinderbuch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", während sie in England schon Ende der 60er-Jahre mit ihren Bilderbüchern sehr erfolgreich war. Aus einem einfachen Grund, wie sie selbst sagt: "Es gab nichts für die Kinder, es gab nur Bücher, wo drauf stand: 'Hier ist ein Pferd, hier ist eine Kuh' - und dann gab es Bücher, die viel zu kompliziert waren. Ich denke, deswegen ist das so gut gegangen mit dem Buch." Judith Kerr meint damit "Ein Tiger kommt zum Tee", ein Buch, das sie schon 1968 schrieb und illustrierte - nach einer Geschichte, die sie sich für ihre Tochter ausgedacht hatte.
Während das Buch in England längst als Klassiker gilt, den jedes Kind kennt, erschien "Ein Tiger kommt zum Tee" in Deutschland erst 2012. In diesem Jahr folgte "Mog, der vergessliche Kater". Mog gab es zwar schon mal in den 90ern, das Buch war aber lange Zeit nicht lieferbar. Nun gibt Ravensburger zwei Bände zu Judith Kerrs 90. Geburtstag im Juni heraus.
Auch "Mog, der vergessliche Kater" kennt in England jedes Kind.
Ehrlicherweise muss man sagen, dass Kerrs Bilderbücher sehr altmodisch rüberkommen, vor allem die Illustrationen. Kein Wunder, die Bilderbuch-Ästhetik hat sich in vierzig Jahren natürlich weiterentwickelt. Trotzdem haben beide Bücher ihren Reiz, weil sie eben nicht versuchen, ein Kunstwerk zu sein, sondern eine einfache Geschichte erzählen, die aber auf einer guten Idee basiert. Ein Tiger, der eben mal zum Tee kommt, alles auffrisst und dann einfach wieder geht. Oder eine Katze, die sich sich seltsam verhält.
Mog gab es wirklich, erzählt Judith Kerr: "Wir hatten eine Katze, die merkwürdige Dinge gemacht hat. Wenn sie ihr Abendessen wollte und wir sahen fern, dann hat sie sich auf den Fernseher gelegt und den Schwanz davor runter gehalten. Und da dachte ich, ich mache ein Buch über alle Sachen, die die Katze macht." Das reichte allerdings nicht für ein Buch, irgendwas musste noch passieren. Ihr Mann hatte die Idee, die Katze einen Einbrecher fangen zu lassen, und so ist es dann auch. Hübsches Detail: Auf der letzten Seite trinken alle eine Tasse Tee, mitten in der Nacht, auch der Einbrecher. Very british.
Seit 1981 gibt es nicht nur "Mister Men", sondern auch die Misses.
Ebenfalls ein englischer Klassiker aus den 70ern sind "Mister Men" und "Little Miss". Kleine quadratische Bücher, die jeweils einen bestimmten Charakter in den Mittelpunkt stellen. Mister Schlampig zum Beispiel wohnt in einem kaputten, dreckigen Haus. Da kommen Mister Sauber und Mister Rein und räumen alles auf. Andersrum läuft es, wenn Miss Tipptopp Besuch von Mister Wirrkopf bekommt. Und so weiter.
Die Idee hatte der damalige Werbetexter Roger Hargreaves, als sein sechsjähriger Sohn ihn fragte: "Dad, what does a tickle look like?" ("Wie sieht Kitzeln aus?"). Daraufhin zeichnete und schrieb Hargreaves den ersten Band "Mr. Tickle". Erst fand er keinen Verlag, aber als der erste Titel schließlich in den Buchhandlungen lag, wurde die Reihe praktisch sofort ein Riesenerfolg.
Der bekannteste von allen Charakteren der "Mister Men" und "Litte Miss"-Reihe ist "Mister Happy".
Inzwischen wurden weltweit mehr als 100 Millionen der kleinen Bücher verkauft - hinzu kommen Merchandise-Artikel wie Tassen, Unterhosen und Manschettenknöpfe. Zwar wirken die Zeichnungen etwas antiquiert, aber der Witz funktioniert nach wie vor. In Deutschland erschienen die Bücher zum ersten Mal 2011, inzwischen gibt es mehr als 40 Bände. Allerdings noch keine Unterhosen.
Ein großer Spaß für Eltern und Kinder ist das Buch "Grünes Ei mit Speck".
Dr. Seuss kennt in Amerika jedes Kind. Der Sohn deutschsprachiger Einwanderer hieß eigentlich Theodor Seuss Geisel, kein Wunder, dass er sich ein Pseudonym zugelegt hat. Bekannt wurde er mit seinen verrückten, albernen Versen. Deutsche Verlage haben sich lange nicht getraut, den genialen Wortwitz zu übersetzen - es gibt nur wenige seiner Bücher auf Deutsch, den "Lorax" zum Beispiel und den Sammelband "Grünes Ei mit Speck" mit drei Seuss-Geschichten, zum Beispiel: "Da ist eine Nasche in meiner Tasche!"
Eine gelungene Übersetzung von Felicitas Hoppe, rasant gereimt wie das Original, herrlich chaotisch - und der Spaß geht nach dem Lesen weiter, denn Kinder und Eltern können selbst weiterspinnen und Wörter verdrehen. Hier kann man tatsächlich mal sagen: Zum Glück und endlich auch auf Deutsch erschienen.
"Mog, der vergessliche Kater" von Judith Kerr
Ravensburger
ab 3 Jahren / 40 Seiten / 10,- Euro
ISBN 978-347344615
"Ein Tiger kommt zum Tee" von Judith Kerr
Knesebeck Verlag / ab 3 Jahren / 12,95 Euro
ISBN: 978-3868734522
"Grünes Ei mit Speck" von Dr. Seuss
Aus dem Amerikanischen von Felicitas Hoppe
Fischer Verlag / ab 6 Jahren / 176 Seiten / 14,95 Euro
ISBN: 978-3596854417
"Mister Men und Little Miss" von Roger Hargreaves
Aus dem Englischen von Lisa Buchner
Susanna Rieder Verlag / ab 3 / diverse Titel / jeweils 36 Seiten / 2,50 Euro