Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenVorgestellt von Sybille Hasenclever, NDR Info Kulturredaktion
Das Buch "Emily, allein" von Stewart O'Nan ist im Rowohlt Verlag erschienen.
Stewart O'Nans Geschichten leben von dem, was Menschen denken und fühlen, und weniger von dem, was sie tun. Scheinbar mühelos kann er sich in das Innenleben seiner Figuren hineinversetzen und was er dort vorfindet, ist oft spannender als die Außenwelt. Deshalb kann O'Nan auch fast 400 Seiten über eine alte Frau schreiben, und damit von Anfang bis Ende begeistern.
Witwe Emily ist einsam. Ihre Kinder und Enkel wohnen weit weg und gewähren der alten Dame nur ungern Einblick in ihr Leben.
"Inzwischen war es Emilys einziger Wunsch, ihnen näher zu sein. Es war anstrengend, ihr Leben aus der Ferne zu verfolgen, Karten, Briefe und Geschenke zu schicken, Woche für Woche anzurufen und im Gegenzug bloß die spärlichsten Neuigkeiten zu erfahren, die ihr nur widerwillig mitgeteilt wurden und stark zensiert waren." (Buch-Zitat)
"Kind, wie geht es Dir?" Wer hat auf solche Frage noch nie ausweichend geantwortet? Und wer schreibt schon direkt zurück, wenn Omas Weihnachtskarte eintrifft?
Diese Gedankenlosigkeiten der Jüngeren legt Autor O'Nan offen. Emily wartet Mitte Januar vergeblich auf Dankesbriefe und spielt mit dem Gedanken, ihre lieblose Familie zur Strafe am Valentinstag zu übergehen.
"Sie stellte sich vor, wie die Kinder sich fühlen würden, wenn sie ihnen versuchsweise mal keine Karte schickte. So unhöflich das auch sein mochte, es könnte ihnen eine Lektion erteilen, doch wahrscheinlicher war, dass es ihnen nichts ausmachte und Emily sich ins eigene Fleisch schneiden würde." (Buch-Zitat)
Den Schmerz über den eigenen Bedeutungsverlust bekämpft Emily mit der Devise: Nicht klagen, sondern weitermachen. Zusammen mit ihrer - ebenfalls sehr alten - Freundin Arlene ringt sie um Selbstachtung und Würde. Wie mühsam das im Alter sein kann, zeigt O'Nans Beschreibung von Arlene.
"Entgegen dem Rat ihres Arztes hatte sie das Rauchen nicht aufgegeben. Sie war wackelig auf den Beinen, ihr Sehvermögen ließ nach, und selbst im Ruhezustand keuchte sie wie eine Lungenkranke und atmete mit offenem Mund, die Schneidezähne voller Lippenstift." (Buch-Zitat)
Trotz dieser schonungslosen Nahbetrachtung wird deutlich: Die alten Frauen sind noch immer Genießer, noch immer eitel, noch immer voller Gefühl - also im Grunde wie alle anderen auch. Nur dass die anderen - die Jüngeren - die Gemeinsamkeiten nicht mehr sehen:
"Je älter Emily wurde, desto leichter fiel es ihr, sich von den Symbolen ihres früheren Lebens zu trennen. Sie hatte es aufgegeben, Dinge aufzubewahren, nur weil sie die Hoffnung hegte, jemand würde sie genauso lieben wie sie." (Buch-Zitat)
In vielen kurzen Kapiteln beschreibt O'Nan Emilys Sicht auf eine Welt, die schon bald nicht mehr ihre sein wird. Es sind äußerst geglückte Momentaufnahmen, die zeigen: Alles geht im Alter weiter, die Trauer und die Freude, die Wut und der Spaß. So kauft sich Emily einen schnittigen Neuwagen. Und sie freut sich noch immer über die stille Pracht des Neuschnees - ganz egal, wieviele Winter sie schon erlebt hat.
O'Nan hat "den Alten", wie sie auch bei uns oft verallgemeinert werden, eine eindringliche, individuelle Stimme gegeben. Emilys Geschichte zeigt: Das Leben ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Und keinen Tag früher.

Stewart O´Nan