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Buchcover der Anthologie von Günter Grass "Eintagsfliegen - Gelegentliche Gedichte"
Am 16. Oktober vollendet Günter Grass sein 85. Lebensjahr. Pünktlich zu diesem Geburtstag haben der Verleger Gerhard Steidl und sein wichtigster Autor, Günter Grass, sich und den Lesern mit "Eintagsfliegen" ein bibliophiles Buch beschert: 87 Gedichte, von Grass selbst liebevoll illustriert - dabei auch jene Texte zu Griechenland und Israel, die im Frühjahr bereits für lebhaftes Aufsehen sorgten.
Auf den ersten Blick kommt das Querformat wie eine Kladde daher, befreit man es indes von der Schutzhülle, spürt man den edlen Charakter des in rotes Leinen mit schwarzen Ecken und schwarzem Rücken eingeschlagenen Buches, dessen elegant von Grass verziertes Titeletikett aufwendig im Cover eingelassen ist. Schlägt man das Buch auf und durchblättert es, lädt es mit seiner Mischung aus Illustration und Text zur verweilenden Lektüre ein.
"Gelegentliche Gedichte" präsentiert uns Grass unter dem Titel "Eintagsfliegen".
"Seit zweihundert Millionen Jahren,
als von Adam und Eva nicht mal
Gerüchte in Umlauf waren, ist sie verbreitet
und wird, weil ohne Kauwerkzeug geschlüpft,
sogleich befruchtet, legt Eier in Fluß- und Seeufern ab,
hat nach getaner Arbeit - zuerst die Männchen,
Stunden später die Weibchen - ihr Leben vollbracht." (Buchzitat)
Auf gut 100 Seiten notiert Grass, was er seit seiner letzten Prosaarbeit "Grimms Wörter" im Jahre 2010 jetzt an Erinnerung, Mahnung, Beobachtung und Selbstreflektion mitteilen möchte: Knappe Nachrufe, neben dem schon bekannten israelkritischen Gedicht "Was gesagt werden muss" ein weiteres, das den israelischen Atomspion Vanunu als Held preist, auch "Europas Schande", jene Verse, die, bereits zu Pfingsten in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt, für heftige Reaktionen sorgten, finden sich hier neben Naturbeschreibungen, Papstspott und altersironischen Liebeszeilen.
"In jungen Jahren konnte ich
mit strammem Strahl
die Namen der jeweils Geliebten,
selbst längere wie Annerose und Aurora,
in den Schnee pinkeln, sogar
mit zärtlichem Vor- und Nachwort;
sobald es gegenwärtig schneit,
bin ich dankbar, wenn es grad noch
zum Bekenntnis für Ute reicht." (Buchzitat)
Grass bekennt sich zu seinem Alter. Wer ihm dieser Tage begegnet, bemerkt seine Fragilität. Gleichwohl sucht er täglich sein Atelier auf:
"Manchmal pickt eine Amsel
ans Fensterglas, will wissen,
was ich in immer neuer Fassung schreibe.
Also lese ich Wort nach Wort vor:
Gedichte als eines Lebens Bilanz" (Buchzitat)
Die Leserinnen und Leser müssen nicht dem Gesang der Amsel lauschen, sie können lesen: Grass' anhaltenden Zorn über Springer-Zeitungen, seine Rede "an die Gemeinde meiner Feinde" und das gebrochen patriotische Bekenntnis "Trotz allem", in dem es heißt:
"Liebebedürftiges Land,
dessen Sprache mitsamt
ihrer Schönheit
bei all dem Gerede schwindet.
Lieblos fleißiges Land,
dem die Arbeit nie ausgeht,
weil Baustellen überall und zu groß.
Nach Liebe dürstendes Land,
dessen Bewohner nicht müde werden,
vernarbte Wunden zu lecken.
Meiner Liebe gewisses Land,
dem ich verhaftet bin,
notfalls als Splitter im Auge." (Buchzitat)
Diese "Eintagsfliegen" von Günter Grass versammeln schöne und beiläufige, zornige und milde, heitere und bittere Texte des großen alten Mannes, der diese Anthologie selbst "gelegentliche Gedichte" nennt.

Günter Grass