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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Amerikanischen von Anke Burger
Vorgestellt von Jan Ehlert
Roman über einen Waisenjungen in Nordkorea
Es war auf dem Höhepunkt der Krise zwischen den USA und Nordkorea, als die Pulitzerpreise vergeben wurden.
Als ausgerechnet ein Nordkorea-Roman den Preis erhielt, witterten viele Kritiker eine politische, keine literarische Entscheidung.
Doch "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" von Adam Johnson ist vor allem eins: ein großartiger Roman.
"Frohe Zukunft" - so heißt das Waisenhaus in der nordkoreanischen Stadt Chongji. Aber der hoffnungsvolle Name trügt: Wer als Kind hier gelandet ist, dessen Schicksal ist vorbestimmt: ein früher Tod. Entweder durch Hunger und Entkräftung oder durch Zwangsarbeit.
Leseprobe:
"Hin und wieder wurde eine Gruppe Zöglinge von einer Fabrik adoptiert. Ansonsten durfte jeder die Kinder für einen Tag ausleihen, der den Waisen zu essen gab und dem Aufseher etwas zu trinken. Einmal schaufelten die Kinder Güterwaggons leer und wirbelten dabei ein salzartiges Pulver auf. Als sie zu schwitzen begannen, wurden sie rot, erst ihre Hände und Gesichter, dann ihre Zähne. Der Güterzug hatte Chemikalien für die Farbenfabrik transportiert."
Namen wie der des Waisenhauses sind also Schall und Rauch - und das gilt auch für den Protagonisten dieses Buches: Pak Jun Do, auch er offiziell ein Waisenkind. Seinen Namen gab er sich selbst - nach einem Märtyrer, der sich aus Treue für sein Land opferte.
Und so ist auch er bereit sich zu opfern, er lässt sich sogar von einem Hai verstümmeln, um seine Mitstreiter zu retten. Durch diesen willenlosen Einsatz gelingt ihm aber das Überraschende: der Aufstieg in der Militärdiktatur. Das ermöglicht ihm eine Reise in die USA. Und dort, beim Blick in ein Telefonbuch, erfährt er, dass er mehr sein könnte als nur ein austauschbarer Name.
Leseprobe:
"Es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass jeder Mensch in ganz Zentraltexas darin aufgeführt war, mit vollem Namen und Anschrift. Er konnte nicht glauben, dass man einfach in einem Buch nachschlagen und jemanden finden konnte. Wenn man beweisen wollte, dass man kein Waisenkind war, brauchte man nur so ein Buch aufzuschlagen und auf seine Eltern zu zeigen."
Dieses plötzliche Erwachen Jun Dos ist einer der bewegendsten Momente des Buches, gerade weil Adam Johnson seine Leser vorher nicht mit grausamen Details aus Nordkorea verschont hat: Willkürliche Entführungen, Deportationen, Lagerhaft.
Johnson hat für seine Recherchen das Land selbst bereist, sein Buch gibt also auch seltene Einblicke in ein Land, das sich selbst von der Welt abschottet. Es ist aber viel mehr als das: Ein Spiel mit der Wahrnehmung, mit unterschiedlichen Vorstellungen von dem, was "Freiheit" bedeutet.
Leseprobe:
"Gibt es hier Straflager", fragte er. Nein, sagte sie.
"Zwangsehen, Selbstkritiksitzungen, Lautsprecher?" Sie schüttelte den Kopf.
"Dann glaube ich nicht, dass ich mich hier jemals frei fühlen könnte."
Mit "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" ist Adam Johnson ein anrührender Entwicklungsroman gelungen, ein wunderbares Werk über das Aufwachsen in einer fremden, lebensfeindlichen Welt.
Und doch berührt er grundsätzliche menschliche Fragen: Denn der Name des Protagonisten Jun Do - das ist eine Anlehnung an den amerikanischen Namen "John Doe", der Toten gegeben wird, die nicht mehr identifiziert werden können. Und so ist Jun Dos Geschichte letztlich genau das: Das Ringen um eine eigene Identität - ein Kampf, der nicht nur in Nordkorea geführt wird.
Verlosung:
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Adam Johnson, aus dem Amerikanischen von Anke Burger