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Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenVorgestellt von Heide Soltau
Ein Mann lässt sein bisheriges Leben hinter sich und landet in einem kleinen Fischerdorf an der Mittelmeerküste.
Eugen Ruge erhielt 2011 für seinen Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" den Deutschen Buchpreis. In diesem großen Roman geht es um die Geschichte einer DDR-Familie und um Menschen, die, einmal überzeugt vom Kommunismus, an dieser Idee ihr Leben lang festhalten. Eugen Ruge erzählt, welchen Preis die Familie dafür bezahlt und wie sie daran zerbricht.
Im Vergleich zu seinem großen, ein halbes Jahrhundert umspannenden Roman erzählt Eugen Ruge in seinem neuen Buch diesmal eine kleine, überschaubare Geschichte. Auch "Cabo de Gata", wie er diesen neuen Roman nennt, trägt unverkennbar autobiografische Züge, ist aber ebenso ein Spiel mit der Fiktion.
Leseprobe:
"Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war."
Es ist die Geschichte eines Mannes, Anfang 40, der seinen festen, gut bezahlten Arbeitsplatz gekündigt hat, um einen Roman zu schreiben. Seitdem sitzt er jeden Tag zuhause an seinem Computer und führt ein streng ritualisiertes, aber wenig produktives Leben. Bis er sich plötzlich an den Geruch von Kaffee erinnert.
Leseprobe:
"An den Geruch des kleinen arabischen Kaffeekochtopfs, den ich von meiner Mutter geerbt habe."
Eine Hommage an Marcel Proust und dessen Erinnerungswerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", das mit einem Löffel Tee und einem darin aufgeweichten Stück Bisquit beginnt. Dem Mann in Eugen Ruges Roman wird durch den Kaffeeduft plötzlich klar, dass er feststeckt.
Leseprobe:
"Ich würde, wie schon am Morgen zuvor (und am Morgen vor dem Morgen zuvor), vor dem Bildschirm sitzen und auf den ungerührt blinkenden Cursor starren und wissen, dass ich auch heute wieder nichts zustande bekäme."
Eugen Ruge erhielt 2011 für seinen Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" den Deutschen Buchpreis.
Der Mann bricht in Berlin seine Zelte ab und reist gen Süden. Warm soll der Ort sein, preisgünstig und auf dem Landweg erreichbar. So landet er schließlich in Andalusien, kurz nach Neujahr in einem gottverlassenen Fischerdorf im Nationalpark Cabo de Gata. Das im Reiseführer versprochene Paradies entpuppt sich als trostlose Wüste: vermüllte Strände, verbarrikadierte Häuser, feuchte Räume, klamme Betten. Die Nächte sind kalt, er friert erbärmlich, doch er nistet sich ein in diesem Ort...
Leseprobe:
"...an dem ich einhundertdreiundzwanzig Tage lang vergeblich versucht habe, einen Roman zu schreiben."
Äußerlich passiert wenig. Morgens zum Bäcker gehen und Brot kaufen, auf der Bank vor dem Haus sitzen und aufs Meer schauen, das Mittagessen, serviert von einer Frau mit einem gewaltigem Hintern. Strandspaziergänge, Abende im Zimmer bei Kerzenschein zum Wärmen mit der immer gleichen Nummer der Zeitung El Pais, um Spanisch zu lernen. Zweimal kommen Touristen vorbei. Doch dann steht eines Abends eine rot getigerte Katze vor ihm und der Mann - verliebt sich, könnte man sagen.
1954 in Soswa (Ural) geboren, studierte Ruge Mathematik an der Berliner Humboldt-Universität und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik.
Er arbeitete beim DEFA-Studio für Dokumentarfilm, bevor er 1988 aus der DDR in den Westen ging. Seit 1989 arbeitet er für Theater, Film und Rundfunk als Autor und Übersetzer.
2009 erhielt Eugen Ruge für sein erstes Prosamanuskript "In Zeiten des abnehmenden Lichts" den Alfred-Döblin-Preis. Am 10. Oktober hat er den Deutschen Buchpreis 2011 erhalten. Ruge lebt in Berlin.
Leseprobe:
"Schon tagsüber, nach meinem Strandspaziergang, hielt ich beiläufig Ausschau nach der Katze, sah sie aber nicht. Als der Abend heranrückte, musste ich mich zwingen, nicht viel zu früh loszugehen - wegen einer Katze! War dann aber doch ein paar Minuten zu früh."
Schnörkellos und ohne Pathos beschreibt Eugen Ruge in dieser Episode, wie die Katze den Mann Demut und Distanz lehrt und wie sie sich gegen seine Übergriffe wehrt. Sie lässt sich nicht streicheln, wenn sie es nicht will. Das ist großartig erzählt. Die Katze stößt eine Tür in die Vergangenheit des Mannes auf und kratzt Erinnerungsschichten frei.
Cabo de Gata schildert, wie ein Mann die innere Freiheit findet, um Schriftsteller zu werden. Das jetzt erscheinende Buch Eugen Ruges liest sich, unter anderem, auch wie eine Vorgeschichte zu seinem großen, 2011 erschienenen Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Und es zeigt, was für ein präziser Beobachter und außergewöhnlicher Erzähler Eugen Ruge ist.

Eugen Ruge