Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenAus dem Finnischen von Stefan Moster
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
Der rumänische Bettler Vatanescu und der knapp dem Tod entronnene Hase, der eigentlich ein Kaninchen ist, ziehen auf der Suche nach dem Glück durch Finnland.
"Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" war zunächst ein riesiger Überraschungserfolg und wurde dann auch noch ein Dauerbestseller. Viele haben es mit Begeisterung gelesen und weiter verschenkt.
Wer nun gern so ein ähnliches Buch mal wieder lesen möchte, dem kann geholfen werden. Der Finne Tuomas Kyrö hat ein ebenso überwältigendes Talent, eine Geschichte liebenswert, urkomisch und mit tausend verrückten Einfällen zu erzählen. "Bettler und Hase" heißt sein Roman.
Die Hauptfigur ist riskant gewählt. Der Mann heißt Vatanescu, ein aus Rumänien stammender Roma, der beschlossen hat, sein Glück im reichen Finnland zu versuchen. Sein wichtigstes Ziel ist es, Stollenschuhe für seinen Fußball spielenden Sohn zu kaufen. Die Nachteile seiner Reise werden ihm bald klar:
Leseprobe:
"Jeden Tag lernt mein Sohn was Neues, und ich müsste eigentlich dabei sein. Jeden Tag lernt mein Sohn etwas nicht, weil ich nicht da bin, um es ihm beizubringen."
Vatanescu gerät in die Fänge der russischen Mafia, die die Bettlerszene von Helsinki fest im Griff hat, schafft es sich zu befreien, aber jetzt hat er die Mafia am Hals und befindet sich auf der Flucht.
Er erlebt wilde, wunderliche und kostbare Abenteuer. Das erste hat mit einem Kaninchen zu tun, das auf der Flucht vor Jugendlichen, die es als Raubtierfutter an den Zoo verkaufen wollen, durch eben den Park hoppelt, in dem sich auch Vatanescu versteckt:
Leseprobe:
"Hab keine Angst, ich bin Vatanescu. Einer wie du. Tigerfutter."
Vatanescu rettet das Kaninchen, von da an Hase genannt, denn mit der Rettung irgendeines Wesens muss ja begonnen werden. Das Häschen hat sich die Pfote gebrochen bei seiner Flucht und Vatanescu geht mit ihm in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Die diensthabende Schwester reagiert tobsüchtig auf das Tier im Wartesaal, aber da ist ein kleines Mädchen, das mit einem Eis am Stiel über Schmerzen hinweg getröstet wurde.
Leseprobe:
"Vatanescu versuchte, die Ambulanz unauffällig zu verlassen, er musste weg, um sich den drohenden Handschellen zu entziehen. Die Pfote des Kaninchens hing schlaff herab, aus seinem Mund kam ein klägliches Wimmern. Und so pathetisch-melodramatisch es auch sein mag, in ein und derselben Szene ein weiches Tier und ein Kind auftreten zu lassen, so war es nun einmal so, dass das kleine Mädchen hinter Vatanescu her rannte. Es reichte ihm den Stiel von seinem Eis und löste die Bänder von seinen kleinen roten Schuhen. Du kluges kleines Menschenkind."
Sagt Vatanescu, schient dem Hasen die Pfote und zieht weiter. Er wird versuchen mit dem Gold des Nordens, mit dem Pflücken von Moltebeeren, Stollenschuhe für den Sohn zu verdienen, mit Arbeit auf dem Bau, mit Zaubern in der Bahn, und schließlich wird der rumänische Bettler Vatanescu noch ganz groß rauskommen als Politiker in Finnland, gewählt mit Hilfe einer riesigen Internetgemeinde, die seinen Weg verfolgt, nachdem er einen finnischen Nationalpark, der einem Erlebniscenter weichen sollte, retten konnte.
Ein modernes, schräges Märchen, das in Finnland den Lachnerv der ganzen Nation getroffen hat. Der Autor beschreibt die Unterschiede zwischen den Nordmenschen so:
Leseprobe:
"Die Gruppe der Kurzbeinigen, Ernsten, Plattnasigen, deren Kinder wie die Eltern aussahen. Sie nannte man die Finnen. Dann gab es die Gruppe der Langbeinigen, Fröhlichen, Schmalnasigen, deren Eltern wie die Kinder aussahen. Sie nannte man Schweden."
Tuomas Kyrö, schrieb die finnische Kritik, sei ein "Sportsmann und man muss sagen: Die Skier sind gut gewählt". Auch bei uns werden sich viele Leser in seinen Roman verlieben. Ein Ostergeschenk! Man kann es auch im Auto vorlesen; falls man im Osterverkehr im Stau stecken bleiben sollte, macht das alles nichts, wenn dies Buch an Bord ist!

Tuomas Kyrö, aus dem Finnischen von Stefan Moster