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Link in neuem Fenster öffnenVorgestellt von Elise Landschek
Der Roman "Angst" von Dirk Kurbjuweit trägt autobiografische Züge, der Autor wurde selbst jahrelang von einem Stalker verfolgt.
Der Spiegelredakteur Dirk Kurbjuweit hat sich als Romanautor bereits einen Namen gemacht. Er nutzt seine journalistischen Kenntnisse, um packende Geschichten aus der Realität zu erzählen.
Mit seinem neuen Buch "Angst" geht er jetzt noch einen Schritt weiter; er erzählt von einer persönlichen Erfahrung. Vor elf Jahren wurde Dirk Kurbjuweit von einem Stalker verfolgt. Um dieses Gefühl, sich selbst in den privatesten Bereichen ständig beobachtet zu fühlen, geht es in Kurbjuweits Thriller.
Ein seltsamer Nachbar macht der neu eingezogenen Familie Tiefenthaler das Leben zur Hölle.
Leseprobe:
"Unsere Küche liegt nach hinten raus und als meine Frau beim Trinken in den Garten schaute, sah sie im Mondlicht hinter der Birke eine Gestalt. Es war Herr Tiberius, der nun loslief, die Treppe zu unserem Wintergarten hinauf und in das Fenster dort starrte, das Fenster zum Zimmer unserer Tochter. Meine Frau rief die Polizei an und dann mich."
"Stiller Terror" - so nennt im Roman der Erzähler Randolph Tiefenthaler das ständige Hinterherschleichen seines Nachbarn, Herrn Tiberius. Dabei hat alles ganz harmlos begonnen. Als die Tiefenthalers in die Wohnung über ihm ziehen, backt Herr Tiberius ihnen Kekse, plaudert liebenswürdig mit den Kindern. Doch dann beginnt er, Briefe zu schreiben. Zuerst Liebesbriefe an Tiefenthalers Frau, später verschärft er den Ton.
Schließlich behauptet er, die Tiefenthalers würden ihre beiden Kinder sexuell missbrauchen, er, der Nachbar, habe es selbst gesehen und gehört. Randolph Tiefenthaler, gut situierter Architekt, fürchtet alles zu verlieren: seine Familie, seine hart erarbeite Stellung, seinen Ruf.
Für Autor Dirk Kurbjuweit ist diese Abstiegs-Angst des Bürgertums ganz zentral: "Es gibt Dinge wie Wohlstand und eine Wohnung, die uns lieb geworden sind, aber je mehr wir haben, desto ängstlicher sind wir."
Der Journalist und Autor wurde 1962 in Wiesbaden geboren. Er arbeitete als Redakteur für die "Zeit" und war Leiter des "Spiegel"-Hauptstadtbüros. Dirk Kurbjuweit hat bereits mehrere hochgelobte Romane geschrieben. Für seine Reportagen erhielt er 1998 und 2002 den Egon-Erwin-Kisch-Preis.
Immer wieder rufen die Tiefenthalers die Polizei, nehmen sich Anwälte. Doch so lange Herr Tiberius nicht gewalttätig wird, kann ihnen niemand helfen. Der Terror geht weiter.
Leseprobe:
"Schließlich sagte die Anwältin einen Satz, der meine Zuversicht brach. Herr Tiefenthaler, leider leben wir in einem Rechtsstaat. Ich dachte immer, dass wir zum Glück in einem Rechtsstaat leben, ergänzte ich. Wenn wir uns nicht sicher fühlten, könne sie uns eine Waffe besorgen, sagte sie beim Abschied."
Aus der Hilflosigkeit erwächst die verzweifelte Suche nach einem Ausweg. Hier greift der zweite Erzählstrang von Kurbjuweits Roman: die wiederholten Rückblenden in die Kindheit von Randolph Tiefenthaler in den Sechziger Jahren. Der Vater ist ein Waffennarr, der kleine Randolph und sein Bruder verschanzen sich in ihrem Zimmer, aus Angst, er könne sie im Streit erschießen.
Kurbjuweit schafft die psychologisch gekonnte Volte: Es ist der stets gefürchtete Vater, der den erwachsenen Sohn schlussendlich von seinem verhassten Nachbarn erlöst. Der Mord ist dem Buch vorangestellt.
Im realen Fall von Dirk Kurbjuweit kam es zum Glück nicht so weit. Aber Selbstjustiz sei trotzdem ein ständiger Gedanke gewesen, als er selbst von seinem Nachbarn gestalkt wurde, erzählt er: "Es gibt eine Mauer zwischen Zivilität und Barbarei und wir verlassen uns in unserer Gesellschaft darauf, dass diese Mauer sehr fest steht, dass sie dick ist und hoch ist. Aber ich glaube, in diesen existentiellen Situationen erfahren wir, dass diese Mauer nur ein Vorhang ist. Und das wir beziehungsweise ich in Gedanken relativ schnell Mordphantasien haben, die mich selbst erschrocken haben und über die ich immer noch erschrocken bin. Und wenn ich ihm etwas übel nehme, dann ist es das, dass er uns in diese barbarische Gedankenwelt geführt hat."
Kurbjuweits stark autobiographisch geprägtes Buch ist mehr als nur ein Stalking-Roman. Der Autor sondiert viele Facetten der "Angst", nicht nur den "stillen Terror" des Herrn Tiberius. Er stellt Rechtsstaat, Bürgertum, und seine eigene Rolle gegenüber dem dominanten Vater in Frage. Das macht den Roman so spannend - und lesenswert.

Dirk Kurbjuweit