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Orientierung im Bücherdschungel - mit Denis Scheck.
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Horst Buchholz (Aufnahme aus dem Jahr 1973) schafft 1960 den Sprung nach Hollywood.
Als Horst Buchholz am 3. März 2003 im Alter von 70 Jahren starb, war er als Schauspieler schon lange bedeutungslos. Seine großen Erfolge - "Die Halbstarken" oder "Die glorreichen Sieben" - lagen Jahrzehnte zurück. Dabei hätte aus ihm, dem talentierten Schauspieler und disziplinierten Arbeiter, einer der ganz großen Stars werden können. Doch Buchholz hatte in seiner Laufbahn oft Pech, oder er traf die falschen Entscheidungen. Der Autor Werner Sudendorf hat jetzt die erste umfassende Biografie geschrieben: "Verführer und Rebell. Horst Buchholz".
Eigentlich war Buchholz gar nicht gewollt, er wächst einige Jahre bei Pflegeeltern auf. Bei der Kinderlandverschickung 1945 wird sein Zug beschossen. Hunderte von Kindern sterben. Über Monate schlägt sich der 12-Jährige zu Fuß nach Berlin durch. Kurz darauf der nächste Schock: Er erfährt, dass der Mann seiner Mutter gar nicht sein Vater ist. "Das war ein ziemlicher Zusammenbruch. Ich bin abgehauen von zu Hause. Das hat ein bisschen gedauert, ein paar Monate, und dann war das abgehakt", erinnert sich Buchholz 1998 in einem Interview.
Das Theater und dann der Film geben ihm schließlich Halt und ein Zuhause. Wie auch sein Produzent Wenzel Lüdecke, mit dem der bisexuelle Buchholz nicht nur arbeitet, sondern auch zusammenlebt. Doch das geht nur heimlich, denn in den 50er-Jahren ist Homosexualität noch strafbar.
Dann bekommt er 1956 die Rolle, die er perfekt verkörpert, die eines Halbstarken. 1960 schafft er es nach Hollywood: Buchholz ist einer der "glorreichen Sieben". Und dann - nur ein Jahr später - spielt er überzeugend einen Kommunisten in Billy Wilders "Eins, zwei, drei". "Es hat sich vielleicht so ergeben, dass die Rollen sein wirkliches Leben wurden. Dass er sich in Rollen besser zurechtgefunden hat als im Leben. Ich glaube, der konnte noch nicht mal ein Spiegelei braten oder einen Kaffee machen", erzählt Autor Werner Sudendorf.
1958 geschah ein Wechsel im Privatleben: Er heiratet die französische Schauspielerin Myriam Bru und will eine Familie gründen. Sie bekommen zwei Kinder. Zeit ihres Lebens werden sich Myriam und Horst Buchholz siezen. Sie meinen: Dann lässt es sich schwerer streiten. Vielleicht aber auch leichter Distanz wahren. "Er hat alles mit sich selbst ausgemacht." Werner Sudendorf erinnert sich: "In einem Interview ein oder zwei Jahre nach der Hochzeit, das die beiden gaben, hat Myriam gesagt: 'Du bist für mich total durchsichtig, ich kenne dich in- und auswendig'. Zum Ende des Lebens hat sie gesagt: 'Ich habe ihn nie gekannt.'"
Erst spät erfährt seine Frau, dass Horst Buchholz bisexuell ist und schließlich auch wieder mit Männern zusammen ist. Für ihn hat das mit seiner Ehe nichts zu tun, sie leidet allerdings darunter. Trotzdem lassen sie sich nie scheiden.
Seine Karriere läuft nach seinem Hollywood-Gastspiel nicht gut. Und Buchholz trifft falsche Entscheidungen: Er lehnt Angebote von bekannten Filmemachern wie Luchino Visconti und Federico Fellini ab. Am Ende sind es immer weniger Rollen, die ihm angeboten werden. Wenn er gar nicht spielen darf, ist er unglücklich.
2003 stirbt der einstige Halbstarke Horst Buchholz. Als gescheiterte Legende sieht ihn sein Biograf nicht: "Er ist ein Schauspieler gewesen und hat sein ganzes Leben seinen Beruf ausgeübt, und mit diesem Beruf ist er zufrieden gewesen. Mal auf einem höheren Level, mal auf einem geringeren Level. Und wenn wir jetzt denken, er ist gescheitert - nein, nein, er ist nicht gescheitert. Unsere Vorstellung von ihm, die ist gescheitert."

Werner Sudendorf