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Orientierung im Bücherdschungel - mit Denis Scheck.
Link in neuem Fenster öffnenDer eine war der Charismatiker, die Lichtgestalt, der Friedensnobelpreisträger. Der andere der Vordenker, der kühle Kopf, der Stratege im Hintergrund. Willy Brandt und Egon Bahr. 1959 holt Brandt, der Regierende Bürgermeister Berlins, den Journalisten Bahr als Pressechef. Egon Bahr erinnert sich: "Ich guckte voller Bewunderung zu diesem großen Mann auf und habe ihm gesagt, ich werde ihm immer sagen, was ich denke, auch wenn es ihm nicht gefällt. Und da reagierte er und sagte, wenn es zu schlimm wird, aber bitte nur unter vier Augen. Und das war der Beginn der Zusammenarbeit. Dann wurde ich Mitarbeiter und Helfer und langsam wurde ich auch Freund."
Wahre Freundschaft - ein seltenes Gut in der Politik. Bei den beiden hielt sie ein Leben lang und bis über den Tod hinaus. In seinem Buch "Das musst du erzählen" beschreibt Bahr ihre ganz besondere Beziehung - einer denkt, der andere lenkt. Egon Bahr: "Ich habe mich nie gebrüstet, dass ich das eine oder andere Manuskript unter dem Namen Willy Brandt veröffentlicht habe. Denn in dem Augenblick, wo er es gelesen, redigiert hat, hat er es sich zu eigen gemacht."
Wahre Freundschaft in der Politik ist selten. Bei Willy Brandt und Egon Bahr hielt sie ein Leben lang.
Egon Bahr ersinnt schon 1963 die Formel "Wandel durch Annäherung". Sie wird die Grundlage der deutschen Entspannungspolitik. Als "Schreibtischtäter" und "Vaterlandsverräter" verteufeln die Konservativen Bahr und Brandt. Doch die Sozialdemokraten sind Pragmatiker, die mit Passierscheinabkommen und Ostverträgen das Leben der Menschen auf beiden Seiten der Mauer verbessern wollen. Egon Bahr verhandelt dafür in Moskau und in Ostberlin: "Ich habe nicht versucht, meine Partner zu Demokraten zu machen. Sie haben nicht versucht, mich zum Kommunismus zu bekehren. Und das hat dazu geführt, dass man, weil man darüber nicht stritt, einen menschlichen Kontakt zum Gegenüber bekam."
Besonders menschlich wird es mit dem sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew. Bahr beschreibt, wie Brandt für den trinkfesten und lebensfreudigen Kremlchef eine regelrechte Sympathie entwickelt. Egon Bahr: "Sie haben sich richtig amüsiert und auch den einen oder anderen Witz erzählt. Wein, Weib und Gesang, das stimmte bei denen überein. Und wenn der Arzt ihnen gesagt hätte, sie sollen ein bisschen langsamer oder vorsichtiger sein, dann hätten sie beide beschlossen, sie werden nicht mehr singen. Aber ansonsten stimmte die Chemie."
Egon Bahr bezeichnet Herbert Wehner (l.) als eine ruchlosen Mann.
Bahr erzählt anekdotenreich vom Leben mit Brandt - von Krisen, privaten Momenten, von den Intrigen der Parteifreunde, bei denen sich besonders Herbert Wehner hervortat. Den nennt Bahr einen machtorientierten Mann, der Menschen wie Schachfiguren verschob. Und der sich auch in Brandts dunkelster Stunde, dem Rücktritt nach der Guillaume-Affäre, ruchlos verhielt.
Egon Bahr: "Alles war erledigt, der Rücktritt war angenommen. Haben wir, Brandt, Wehner und ich, noch zusammengesessen, und er sagte: 'Geht schon mal vor zur Fraktion, ich komme gleich nach.' Und in der Tat, ein paar Minuten später kam Brandt. Und Wehner stand auf und hielt seinen Rosenstrauß hoch und brüllte in den Saal: 'Willy, du weißt, wir alle lieben dich.' Und das Wort Liebe aus diesem Munde in dieser Situation war eine für mich nicht zu überbietende Heuchelei. Und da habe ich angefangen, ich konnte die Tränen nicht zurückhalten."
Momente emotionaler Wahrhaftigkeit. Merkwürdig lang scheint das alles zurückzuliegen angesichts des aktuellen Politikbetriebs. Egon Bahrs Buch ist eine Erinnerung an seinen Freund Willy Brandt und an Zeiten, die von heute aus gesehen groß genannt werden müssen.
(Bericht: Tom Fugmann)

Egon Bahr