"Mein Großvater hätte mich erschossen"

Viele kennen Amon Göth. Er war Kommandant im Konzentrationslager in Plaszow, im Film "Schindlers Liste" wurde er gespielt von Ralph Fiennes. Die Hamburgerin Jennifer Teege hat erst mit 38 Jahren per Zufall erfahren, dass dieser Nazi-Verbrecher ihr eigener Großvater ist. In einer Bücherei entdeckte sie das Buch "Die Lebensgeschichte der Monika Göth, Tochter des KZ-Kommandanten Amon Göth". Beim Durchblättern fiel ihr auf, dass es darin um Menschen geht, die sie kennt, um ihre leibliche Familie.

Nach dieser Entdeckung brach Jennifer Teeges Welt zusammen. Sie wollte nur noch allein sein, hastete mit dem Buch nach draußen. Geahnt hatte sie nichts: "Ich war so überrascht und erschrocken, dass ich das Buch erst mal überhaupt nicht lesen konnte. Ich hab mich da auf die Bank vor die Bibliothek gelegt und war erschlagen. Dann bin ich nach Hause gefahren und hab dort das Buch gelesen. Hinterher hab ich begriffen, was da los ist. Zu dem Zeitpunkt war da gar nicht dran zu denken."

Eine schmerzhafte Entdeckung

Jennifer Teege  Detailansicht des Bildes Um mit der Tatsache umgehen zu können, dass sie von einem Nazi-Verbrecher abstammt, reiste Jennifer Teege an die Tatorte. Für Jennifer, Tochter von Monika Göth und einem Nigerianer, ist diese Entdeckung besonders schmerzhaft. Sie nennt ihr Buch: "Amon - Mein Großvater hätte mich erschossen". Denn als KZ-Kommandant war er verantwortlich für den Tod Tausender. In "Schindlers Liste" ist er der Mann, der aus purer Lust tötet.

Dass sie erst mit 38 Jahren von ihrer Herkunft erfährt, liegt daran, dass ihre Mutter sie als Baby zur Adoption freigab. Jennifer wuchs in einem Heim auf, später in einer Adoptivfamilie, und sie nahm deren Namen an. Auf vielen Kinderbildern lächelt sie: "Ich hatte glückliche Zeiten, aber als so glücklich, wie ich da lächle, empfand ich das Leben nicht. Der Faktor, dass ich in einem Kinderheim aufgewachsen bin, ganz früh weggegeben worden bin, der reicht schon aus, dass man ein Problem hat, seine Identität zu finden und sich auch mit der wohlzufühlen. Aber die Entdeckung des Buches kam obendrauf und hat alles zum Zusammenstürzen gebracht."

Ein Versuch der Aufarbeitung

Sie fragt sich, was sie mit diesem Nazi-Verbrecher zu tun habe, sucht nach körperlichen Ähnlichkeiten auf alten Fotografien ihrer Großeltern. Teege reist zum KZ Plaszow bei Krakau, wo sie gelebt haben. In ihrem Buch beschreibt sie packend, wie wichtig diese Reise für sie war. "Mit dieser Reise nach Krakau dachte ich, dass ich Klarheit schaffe, dass ich diesen Ort kennenlerne, dass ich meinem Großvater und dem Grauen von damals näher bin und hinterher loslassen kann." Sie besucht die Villa, in der Amon Göth mit seiner Lebensgefährtin Ruth Irene lebte, Jennifers Großmutter. Zu ihr hatte sie als Kind ab und zu noch Kontakt. Keiner erzählte ihr aber, wer sie wirklich war.

Die Bürde, aus einer Nazifamilie zu kommen, bleibt

Ruth Irene Göth sprach noch Jahrzehnte später begeistert von ihrem Leben an der Seite des KZ-Kommandanten: "Es war eine schöne Zeit. Mein Göth war König, ich war Königin." Für Jennifer Teege ist dies ein Schock. Denn sie kannte ihre Großmutter nur als liebevollen Menschen: "Meine Großmutter war für mich der Mensch in der Kindheit, der mir aus der leiblichen Familie am nächsten stand. Und ich hatte nur gute Erinnerungen an sie. Doch plötzlich war dieses Bild aus der Kindheit zerstört, weil ich sie nicht mehr als fürsorgliche Frau sehen konnte, sondern als Frau an der Seite von Amon Göth."

Fünf Jahre sind vergangen, seit Jennifer Teege auf ihre Familiengeschichte stieß. Die Bürde, aus einer Nazifamilie zu kommen, bleibt. Aber sie beherrscht sie nicht mehr.

Aus dieser Aufarbeitung ist ein wirklich eindrucksvolles Buch entstanden.

Buchcover: Amon von Jennifer Teege © Rowohlt Verlag

Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen

Jennifer  Teege, Nikola Sellmair

  • Bestellnummer: 978-3-498064938
  • Verlag: Rowohlt
  • Preis: 19,95 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 16.09.2013 | 22:45 Uhr

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