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Interview

"Das ist eine große Würdigung"

von Harald Ganswindt (ebenso Übersetzung von Frau Chambers)

Emma Chambers ist Kuratorin der Ausstellung "Schwitters in Britain" in London. Isabel Schulz leitet das Kurt Schwitters Archiv im Sprengel Museum Hannover. NDR.de hat mit beiden über die Ausstellung gesprochen und die Antworten in diesem Artikel zusammengefasst.

NDR.de: Frau Schulz, die Ausstellung "Schwitters in England", die nun in Hannover zu sehen ist, war bis Mitte Mai in der Tate Britain in London zu sehen. Die Initiative dazu kam vom Sprengel Museum. War es schwer, die Kollegen zu begeistern?

Dr. Isabel Schulz, Leiterin des Kurt Schwitters Archivs im Sprengel Museum Hannover © NDR Fotograf: Harald Ganswindt Detailansicht des Bildes Kennt sich gut aus mit Schwitters: Isabel Schulz leitet das Kurt Schwitters Archiv. Isabel Schulz: Das war ein lang gehegter Wunsch von uns, die Zeit von Schwitters in England näher zu beleuchten. Es hat ja 1985 schon mal eine Schwitters-Schau in der Tate gegeben. Wir wollten das noch mal aktuell beleuchten. Den Kontakt zur Tate gibt es schon lange. Es war dennoch eine jahrelange Vorlaufzeit bis zur Ausstellung. Den letzten Impuls hat dann der Direktorenwechsel in der Tate Britain gebracht. Die jetzige Direktorin Penelope Curtis ist persönlich interessiert an Schwitters und hat es letztendlich konkret ermöglicht.

NDR.de: Wie war denn dann die Resonanz in London, Frau Chambers?

Emma Chambers: Über 53.800 Besucher waren da. Die Reaktionen waren sehr positiv. Für die Besucher, die Schwitters frühere Arbeiten aus Deutschland schon kannten, war es eine echte Überraschung, die neuen Formen zu sehen, mit denen er hier gearbeitet hat, wie er sich weiterentwickelte und vor allem wie produktiv er auch noch in England war. Die Besucher, die mit seinem Werk nicht vertraut sind, waren angetan von seiner Art, Alltagsgegenstände zu verarbeiten. Viele Besucher zeigten sich auch sehr interessiert an der Biografie des Künstlers - vor allem seine Zeit im englischen Exil.

Isabel Schulz: Als ich da war, habe ich immer gerade so viele Besucher in den Räumen gesehen, dass man noch in Ruhe schauen konnte, ohne Schlange zu stehen. Es war gut gefüllt. Auch ich habe von Kollegen und Besuchern nur enthusiastische Resonanz gehört. Es sind ja auch viele noch nie gezeigte Werke zu sehen: Collagen aus Privatbesitz und diese Fülle an Skulpturen. Das hat schon einen großen Eindruck gemacht.

NDR.de: Was für eine Bedeutung hat es, dass die Ausstellung in England zu sehen war?

Isabel Schulz: Das ist natürlich immer auch ein Ankommen für den Künstler, auch wenn er schon lange verstorben ist. Es war uns ein Anliegen zu zeigen, wie Schwitters in der englischen Kunst gewirkt hat und bis heute nachwirkt. Sein radikaler Umgang mit allen denkbaren Materialien, seine Verbindung von Leben und Kunst durch die konsequente Gestaltung des Umfelds, in dem er jeweils gelebt hat. Das sind bis heute aktuelle ästhetische Standpunkte, die Künstler aus dem Umfeld Performance und Installation bis heute beeinflussen. Auch wenn man sich die Collagen von Schwitters anschaut, erkennt man sehr viele Elemente der späteren Pop Art. Man kann sehr gut erkennen, wie die Merz-Ästhetik auch in England gewirkt hat. Und wenn er jetzt wieder in der Tate Britain ausgestellt wird, also dem renommiertesten Museum in England, dann ist das sicherlich eine große Würdigung seiner Leistung.

Emma Chambers: Es sind sehr bedeutende Arbeiten, in denen sich die Kunstbewegung der Stadt und der Alltag in Kriegszeiten vereinen. Schwitters fühlte den Rhythmus der Stadt und ließ diesen dann in abstrakten Bildern weiterschwingen.

NDR.de: Wir war das künstlerische Klima damals in Großbritannien?

Dr. Emma Chambers, Kuratorin der Tate Galerie, London, im Sprengel Museum in Hannover. © Benedikt Werner/Michael Herling, Sprengel Museum Hannover Fotograf: Benedikt Werner/Michael Herling Detailansicht des Bildes Emma Chambers, Kuratorin der Tate Galerie, ist von der Präsentation der Exponate von "Schwitters in England" begeistert. Emma Chambers: 1940 teilte sich die Kunstszene in zwei Hauptgruppen: Da gab es zum einen die abstrakten und surrealen Künstler - unterstützt vom Kritiker Herbert Read. Zum anderen eine figurative und neo-romantische Kunst, die wiederum unterstützt wurde vom damaligen Direktor der Nationalgalerie, Kenneth Clark, der zugleich der Kopf eines Kriegskunstprogramms war. Durch die großen Kriegskunstausstellungen fing diese Kunst an, den Stil der Zeit zu dominieren. Es gab aber nach wie vor Galerien und Kritiker, die sich auf die Seite der abstrakten Kunst schlugen. 1942 wurde eine große Wanderausstellung in allen großen britischen Städten gezeigt. Ein Versuch, die modernen Tendenzen der Kunst und die führenden abstrakten und surrealen Künstler zu versammeln. Auch Schwitters wurde hier gezeigt.

NDR.de: Die Engländer haben Schwitters damals nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Er wurde für 16 Monate in ein Internierungslager gesperrt.

Isabel Schulz: Schwitters hatte in dem Lager eine relativ gute Zeit und bekam ja auch die englische Staatsbürgerschaft ...

NDR.de: … einen Tag vor seinem Tod.

Isabel Schulz: Ja, das stimmt schon. Dennoch war England das Land, das ihn aufgenommen und in diesen schweren Kriegsjahren und auch danach unterstützt hat. England ermöglichte ihm eine friedliche Zeit. Schwitters konnte dort weiterarbeiten und fand neue Kontakte.

NDR.de: Schwitters Zeit in England war geprägt von Armut, Entbehrung und Krankheit. In den Bildern dieser Zeit lässt sich das so gar nicht erkennen. Ist das nicht überraschend?

Emma Chambers: Ich halte es für falsch, einen direkten Zusammenhang herzustellen zwischen der Kunst von Schwitters und seiner Biografie. Es ging ihm mehr um formale und soziale Verwandtschaften zwischen den Objekten als um seinen persönlichen Bezug dazu. Nehmen Sie zum Beispiel das Werk "En Morn". Hier prallen Bilder der US-amerikanischen Konsumwelt auf den Kriegsslogan "These are the things we are fighting for" (Dies sind die Dinge, für die wir kämpfen). Hier kontrastiert er die Rationierung in Großbritannien mit dem Wohlstand im Ausland. Es geht ihm nicht um seine persönlichen Empfindungen.

NDR.de: Die Kunstgeschichtsschreibung hat ja das sogenannte Spätwerk von Schwitters im Vergleich zu seinen avantgardistischen Aufbruchzeiten in den 20er-Jahren stark abgewertet.

Isabel Schulz: Ich denke das Gegenteil ist der Fall. Er hat eine künstlerische Reife und eine ganz andere Souveränität entwickelt, mit den unterschiedlichen Kunstformen und kompositorischen Formen umzugehen - also dem Dadaismus, dem Konstruktivismus und diesen organischen biomorphen Abstraktionen in den 30er-Jahren. Er ist viel freier und die Werke viel komplexer. Sie sind dadurch natürlich auch schwerer zu lesen und nicht mehr so klar strukturiert.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/kunst_und_ausstellungen/niedersachsen/schwitters137.html
Weitere Informationen
Kurt Schwitters beim Vortrag der Ursonate London 1944 © © VG Bild-Kunst, Bonn 2013 Fotograf: Ernst Schwitters/Aline Gwose/Michael Herling
 

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Links

Das Sprengel Museum Hannover verwaltet den Nachlass des Künstlers.

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Homepage des renommierten Museums in London.

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