Stand: 14.05.2013 16:00 Uhr
Die Kunst des puren Zufalls
Es könnte so etwas wie ein Motto sein für das Sprengel Museum Hannover: die Suche nach dem immer wieder neuen Blick auf scheinbar Bekanntes, die Faszination für das Unvorhersehbare. Und so heißt die aktuelle Ausstellung kurz und gut "Purer Zufall".
Unvorhersehbares von Duchamp bis Richter
Wir alle wissen oder ahnen es zumindest: Der Zufall hat schon immer eine Rolle gespielt in der Kunst - aber welche? Wo fängt er an, wo hört er auf? Das Einbeziehen des nicht Vorhersehbaren in den künstlerischen Prozess ist ein häufig wiederkehrendes Konzept in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Ausstellung mit dem Untertitel "Unvorhersehbares von Marcel Duchamp bis Gerhard Richter" beleuchtet die vielfältigen Strategien von Künstlerinnen und Künstlern, die in ihrem Werk mit dem Zufall operieren.
Mit Absicht purer Zufall
1 von 14
Bei diesem Tischfragment von Daniel Spoerri entsteht beim Betrachter eine interpretatorische Umkehrung: Was wie bewusst gestaltete Auswahl und Anordnung wirkt, ist tatsächlich in hohem Maß spontan entstanden.
So wie die Musik fließend, vergänglich ist, hat der Komponist John Cage auch als Künstler gearbeitet - hier: Not Wanting to Say Anything about Marcel (1969).
Die von Cage in den 60er-Jahren mit begründete Kunstrichtung "Fluxus" der Avantgarde war radikal und hatte Gemeinsamkeiten mit seiner Musik: Was zählte war vor allem die kreative Idee, interpretiert durch Improvisation und der vergänglichen Struktur des Zufalls - hier: "Strings 1–20, #19" (1980).
Max Ernst nimmt dem Betrachter die freie Assoziation von Farben und Formen vorweg: "Die faszinierende Zypresse" (1940).
Max Ernst hat über den Titel die entstandenen Strukturen interpretiert zur "Landschaft mit Sonne" (um 1955).
Die Formen in Jackson Pollocks "Ohne Titel" von 1951 sind maßgeblich Ergebnis der Oberflächenstruktur des Bütten-Papieres.
In "Abstraktes" von Gerhard Richter interagiert die gespachtelte Ölfarbe mit der Leinwand.
Chemische Wechselwirkungen zwischen der dann übermalten Fotografie und der Ölfarbe sind offenkundig wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit von Gerhard Richter: Firenze.
Fenster als Sinnbild für den Blick auf das Unbeeinflussbare: Dieter Roths "Gewürzfenster". Zu bestimmen ist nur die Auswahl, wie sie - arabischen Sandbildern gleich - fließen und welche Formen sie bilden, entzieht sich dem Willen des Künstlers.
Als unmittelbares Sinnbild für Vergänglichkeit begegnen uns im Alltag verdorbene Lebensmittel. Eine Insel der - dann doch konservierten - Vergänglichkeit hat Dieter Roth in sechs Jahren aus Jughurt-Schimmel und anderen Materialien entstehen lassen: "Insel".
Niki de Saint Phalle zitiert 1958 mit ihrem Werk "Sans titre" den Kollegen Jackson Pollock - durchaus als Hommage anzusehen.
Niki de Saint Phalle zitiert noch einmal - hier mit "Old Master" den unbekannten "Alten Meister", der ganz und gar nichts dem Zufall überließ. Ihr dagegen genügte der entsprechende Rahmen.
Der Fehldruck hat sich eigenmächtig dem gestaltenden Willen des Künstlers entzogen: Kurt Schwitters "Ohne Titel (Katzen)".
Die Elite ist normalerweise dadurch gekennzeichnet, dass sie nichts dem Zufall überlässt. Kurt Schwitters nannte diese Zufalls-Collage "Ohne Titel" - doch die Collage selbst gab sich ein "Elite".
Text: Wolf-Rüdiger Leister
Die Elite ist normalerweise dadurch gekennzeichnet, dass sie nichts dem Zufall überlässt. Kurt Schwitters nannte diese Zufalls-Collage "Ohne Titel" - doch die Collage selbst gab sich ein "Elite".
Text: Wolf-Rüdiger Leister
Zuvor galt noch der "Kuss der Muse" als Quelle der Inspiration. Mit dem Einbeziehen des Unvorhersehbaren als zweite schöpferische Instanz neben der Idee des Künstlers erhält das Unplanbare zentrale Bedeutung für das Produkt. In einer bestimmten Phase des Entstehungsprozesses tritt der Künstler zurück und gibt die weitgehende Kontrolle über den Fortgang des künstlerischen Schaffens ab. Die konventionelle Vorstellung von der Rolle des Künstlers ist aufgehoben. Sein bewusster Rückzug ist integrativer Bestandteil der Entstehung, das unwiederholbare Ergebnis von Zufall stets eine Überraschung.
"Purer Zufall" im Sprengel Museum
Niedersachsen 18.00 - 13.05.2013 18:00 Uhr - Autor/in: Hans-Christian Hoffmann
Seit Dienstag zeigt das Sprengel-Museum die Ausstellung "Purer Zufall". Künstler wie Gerhard Richter und Daniel Spoerri haben bei ihren Werken dem Zufall die Regie überlassen.
Sehr unterschiedliche Rückzugs-Strategien
Rund 70 Exponate in der Ausstellung aus unterschiedlichen Disziplinen künstlerischen Schaffens, wie Malerei, Plastik und Grafik stehen für die schöpferische Kraft des Zufalls. Zugleich zeigen sie die vielfältigen Strategien der Zufalls-"Verwendung" auf wie etwa bei Marcel Duchamp, Kurt Schwitters, Hans Arp, Max Ernst, Jackson Pollock, Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Daniel Spoerri, Dieter Roth, John Cage oder Gerhard Richter.
Die Ausstellung schöpft aus dem reichen Bestand des Sprengel Museum und ist durch Leihgaben ergänzt worden.