Kulturjournal
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Die Musikerin und Künstlerin Linder Sterling, genannt "Linder", gehört zu den Protagonistinnen des britischen Punk der späten 70er-Jahre. Für Furore sorgte sie 1982. Damals stand sie als Sängerin der Post-Punk-Gruppe Ludus auf der Bühne - in einem Kleid aus Geflügelresten.
Für ihre kritische Kunst nutzt Linder, die bürgerlich Linda Mulvey heißt, Medien wie Collage, Fotografie, Video, Performance und eben Musik. In der Retrospektive "linder - frau/objekt" zeigt die Kestnergesellschaft in Hannover bis zum 4. August rund 200 Werke aus vier Jahrzehnten. Für die in Liverpool geborene Künstlerin ist dies die erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland.
Linder Sterling konfrontiert ihr Publikum mit der sexuellen Vermarktung der Frau. Mit "frau/objekt" in Hannover präsentiert die Künstlerin ihre erste Einzelausstellung.
Eine nackte Frau posiert lasziv in einer modern ausgestatteten Küche. Mit ihren Beinen steht sie in einem Kochtopf. Ihr Kopf wird ersetzt durch einen Mixer, auf dem ein grinsender Mund klebt. Wieder und wieder trifft man auf solche zahnig-grinsenden Monster mit Torten oder riesigen Eiskugeln anstatt der Brüste, mit Haushaltsgeräten oder Kuchenstücken anstelle des Kopfes.
Die ersten Collagen dieser Art schuf Linder Sterling 1976. Da war die Tochter aus einer irischen Arbeiterfamilie gerade 22 Jahre und studierte seit drei Jahren Kunst in Manchester.
Linder Sterling: "Als Kunststudenten in England Mitte der 70er-Jahre mussten wir zeichnen und zeichnen und malen und malen. Als ich dann mit den Collagen begann, fühlte sich das so rein und effizient an. Sie ermöglichten so klare, provokative Statements. Dabei erhielt ich eine Menge Anregungen von deutschen Künstlern: Vor allem von John Heartfield und Hannah Höch."
In ihren Papierarbeiten zog Linder alle Register: Sie kaufte die gängigen Männer- und Frauenmagazine, Mode-, Koch-, Garten-, Haushalts- und Pornozeitschriften. Sie schnitt aus, was die Mainstreammedien an Rollenbildern lieferten, montierte alles neu zusammen und entlarvte so das gesellschaftlich vorherrschende Frauenbild: Die Frau als Hausfrau, Körper, Sexobjekt.
Diese aufklärerische Vorstellung von Kunst verfolgt Linder Sterling bis heute: "Im Alter von 16 begann ich eine Reihe feministischer Bücher zu lesen. Und als ich diese Bücher gelesen hatte, sah ich mein Leben in dieser Welt auf eine andere Weise - eben politisch. In den 70ern gab es einen Spruch: Das Private ist politisch! Und für mich stimmt das noch immer."
Die Ausstellung legt dennoch ihren Schwerpunkt auf die 70er- und 80er-Jahre: Auf Sterlings Collagen, auf ihre Rolle in der Punkszene, die sie fotografisch dokumentiert, in der sie als Sängerin und Bandgründerin mitmischt und für zahlreiche Gruppen Plattencover entwirft.
Das berühmteste Cover entstand für die Band "Buzzcock". Es zeigt eine nackte Frau mit grinsenden Mündern auf den Brustwarzen und einem Bügeleisen anstelle des Kopfes.
Die Ausstellung dokumentiert ihre neueren, besonders politischen Projekte leider nicht, wie etwa ihre Aktion über Folgen finanzieller Kürzungen in einem Arbeiterviertel von Manchester oder von ihrem Projekt der Suche nach vergessenen, einst bedeutsamen Frauen.

Vor allem ihre Collagen thematisieren die Geschlechterrollen in der Gesellschaft. Die Retrospektive Linder Sterling in Hannover blickt auf 40 Jahre ihres künstlerischen Schaffens.
Die Kestnergesellschaft zeigt dagegen Linders provokanten, ätzenden Collagen. Doch dem Betrachter wird klar, weshalb sie diese Massen zugerichteter Frauen und Männer zeigt, mit aufgepumpten Brüsten und Waschbrettbäuche etwa. Gab es die in den 70ern überhaupt schon? Oder sind diese Blätter etwa von heute?
Linder Sterling: "Vor fünf Jahren habe ich das Experiment wiederholt: Ich ging in einen Zeitungsladen und kaufte mir Frauen- und Männermagazine. Und in England - vor allem jetzt gerade - gibt es viele Frauen, die wieder wie verrückt backen. So habe ich sie wieder zusammengeklebt und gedacht: Hmm, da hat sich nicht viel verändert. Was sehr erstaunt - nach über 30 Jahren."

Vor 30 Jahren schockte sie in einem Kleid aus Schlachtabfällen. "Linder" steht für feministische Gesellschaftskritik. Die Kestnergesellschaft Hannover zeigt nun 200 ihrer Werke.