Kulturjournal
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Interview
Erstmals in Europa widmet sich eine große Einzelausstellung dem Werk des zeitgenössischen belgischen Künstlers Kris Martin. Die Retrospektive ist in der Kestnergesellschaft in Hannover zu sehen. NDR.de hat den Künstler zur Eröffnung getroffen und mit ihm gesprochen.
NDR.de: Mehrere Ihrer Werke arbeiten mit dem Begriff "Idiot" und als ich mir Ihre Arbeiten eben angeschaut habe, hatte ich ein Lied der US-amerikanischen Rockband "Talkin Heads" in meinem Kopf: "We´re on the Road to Nowhere". Sind wir alle Idioten auf dem Weg ins Nirgendwo?
Lässt eigentlich nur seine Kunst sprechen: Kris Martin.
Martin: Das ist eine schöne Referenz. Ich muss da erst Mal drüber nachdenken. Es gibt sicherlich eine gewisse Ratlosigkeit. Es geht in meiner Arbeit um das Leben. Dies scheint manchmal ohne Anhaltspunkte zu sein, aber es ist nie sinnlos. Der "Weg ins Nirgendwo" ist für mich problematisch. Das riecht ein bisschen nach Zynismus. Und ich bin kein großer Freund von Zynismus. Denn damit lassen sich die schönsten Dinge in dem Bruchteil einer Sekunde auf null reduzieren. Wenn etwa ein Kind zur Welt kommt, könnte man sagen: "Na und - ein weiteres Kind eben. Wir sind schon acht Milliarden und die Welt ist ohnehin am Ende". Aber das trifft es nicht. Sie können sehr glücklich sein mit einem Kind, und das Kind kann sehr glücklich mit seinem Leben sein, obwohl es sich das nicht selbst ausgesucht hat. Es ist sehr gefährlich, diese Dinge zu sagen. Aber eigentlich sage ich dazu gar nichts, denn ich spreche ja mit meiner Kunst.
NDR.de: Dabei haben Sie ja Architektur studiert und auch in dem Bereich gearbeitet.
Martin: Ja. Wir mussten im Anschluss an das fünfjährige Studium weitere zwei Jahre in einem Architektenbüro arbeiten. Da wusste ich aber schon, dass ich danach niemals als Architekt arbeiten würde. Ich sagte damals schon zu einem Freund, mit dem ich zusammen studiert hatte: "Du wirst eines Tages mein Haus bauen". Er dachte, ich sei verrückt geworden und nun baut er es tatsächlich. Ich liebe Architektur. Es ist auch für einen bildenden Künstler eine hervorragende Ausbildung. Man arbeitet ja auch hier mit Materialien, Proportionen, Dimensionen und der Endverarbeitung von Materialien. Das ist ein sehr interessanter Hintergrund. Manchmal sehe ich Kunstwerke, die vielleicht sehr gut sind, und kann erkennen, dass sie nicht lange halten werden, weil sie nicht gut gemacht sind. Das ist so ein bisschen meine Angewohnheit geworden, nach der Haltbarkeit zu schauen. Denn dieser Aspekt ist mir sehr wichtig - etwas Existentielles: Dinge zu machen, die einen selbst überdauern. Das Traurige daran ist, dass nur totes Material dies kann. Nur Nicht-Lebendiges kann Deine Gedanken und Intentionen weitertragen. Es ist doch bemerkenswert, wie die alten Meister uns mit ihrer Arbeit immer noch berühren, obwohl sie schon viele hundert Jahre unter der Erde liegen. Das gibt einem so ein bisschen das Gefühl von Ewigkeit, obwohl das wahrscheinlich Unsinn ist.
NDR.de: Joseph Beuys hat einmal gesagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Würden Sie bezogen darauf sagen, dass auch jedes Objekt Kunst ist oder sein kann?
Martin: Im Grunde schon. Aber ein Objekt wird nur durch die Absicht eines Künstlers zu Kunst. Nehmen Sie zum Beispiel diesen Stuhl hier vor uns. Wenn jetzt jemand entscheidet, dieser Stuhl ist Kunst, können wir darüber befinden, ob es gute oder schlechte Kunst ist. Aber das kommt erst im Anschluss. Denn zunächst ist es eine Frage des Entschlusses, der Auswahl. Ich hinterfrage die Objekte nicht, ich kritisiere sie auch nicht, und was ich tue, ist ja nichts Neues. Das hat es schon vor fast hundert Jahren von Marcel Duchamps gegeben. Also, eigentlich ist es heute einfacher für mich. Ich muss nicht mehr für die Glaubwürdigkeit dieser Kunst kämpfen. Das wurde jetzt schon so oft gemacht. Das Entscheidende ist: Von diesen Milliarden Objekten um uns herum, wählt man eines aus, das möglicherweise etwas ausdrückt, was man fühlt, was einen beschäftigt. Und dann muss es noch in das eigene Oeuvre passen - im Sinne einer Kontinuität. Das ist nicht so einfach, wie es aussieht. Es geht immer um die Auswahl. Genau wie in der Malerei. Auch hier wählt der Künstler etwa Farben oder Dimensionen aus. Es geht immer um die Auswahl, und die ist eine Frage der Haltung zu den Dingen. Das macht doch einen Künstler aus: die spezielle Haltung, die man entwickelt und die spezielle Sprache, die man gebraucht. Weil niemand anderes diese Sprache spricht.
NDR.de: Was ist denn zuerst da? Das Objekt oder die Idee?
Martin: Das ist unterschiedlich. Manchmal stoße ich auf ein Objekt und bin von seiner inneren Kraft überwältigt. Es kann aber auch passieren, dass ich etwas in meinem Geist habe und dann suche ich überall auf der Welt, um es zu finden.
NDR.de: Das Thema Zeit steht offensichtlich im Zentrum Ihrer Arbeit. Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Möglichkeit mit einer Zeitmaschine zu reisen. Der Haken an der Sache: Es ist nur eine Hinreise möglich. Würden Sie in die Vergangenheit, in die Zukunft oder gar nicht reisen?
Martin: Ich würde in der Gegenwart bleiben. Das ist auch wegen meiner Angst. Es wäre einfach zu sagen: Ich fahre in die Vergangenheit, zum Beispiel in die Zeit, als ich meine Ehefrau kennengelernt habe. Wir könnten dann all die tollen Jahre noch einmal erleben. Aber dann stelle ich mir wieder vor, dass an diesem Tag ein Bus vorbeifährt, ich muss niesen und gerate dadurch irgendwie vor den Bus und bin tot, ohne meine Frau kennengelernt zu haben - besser nicht. Also lieber in die Zukunft? Nein, es ist ganz schön, die eigene Zukunft nicht zu kennen. Vielleicht ist das eine dumme Antwort, aber: Lasst uns in der Gegenwart bleiben! Zumal ich ja gar nicht nur in der Gegenwart lebe. Ich kann mir eine Zukunft erträumen oder nostalgisch sein. Mental kann man reisen, aber mein Körper soll hier bleiben. Das ist das Beste.
NDR.de: Sind Sie religiös?
Kris Martin: Das Göttliche steckt in jedem von uns.
Martin: Ja. Das heißt jetzt nicht, dass ich katholisch bin oder jeden Tag in die Kirche gehe. Aber Religion ist in allem. Und das Göttliche steckt in jedem von uns. Auch wenn es für manche Menschen total abwesend scheint. Religion kann auch außerhalb der Institutionen exisitieren und sehr persönlich und individuell sein. Ich versuche immer, andere Menschen damit nicht zu belästigen, aber, wenn mich jemand fragt, bin ich aufrichtig: Ja, ich bin religiös!
NDR.de: Sind Sie denn zufrieden mit der Präsentation ihrer Kunst hier in der Kestnergesellschaft?
Martin: Ja, absolut! So eine große Schau nur mit meinen Werken - das ist für mich immer noch ein ganz neues Phänomen. Ich habe das noch niemandem erzählt, aber ich habe mich gefragt: "Habe ich das alles selbst gemacht?" Natürlich bin ich berührt von den Objekten, aber ich kann immer noch kaum glauben, dass das Alles aus meinem Hirn stammt.