Kulturjournal
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von Annette Volland
Höher, schneller, weiter - der Faszination des Fortschritts haben sich stets auch Künstler hingegeben. Italienische Futuristen zum Beispiel feierten um 1910 in Gemälden und euphorischen Manifesten das Tempo und die Technik: "Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit", verkündeten sie da. Zur gleichen Zeit und nicht weit davon entfernt trat der italienische Maler Giorgio De Chirico auf die Bremse: Er erfand die stille, fast menschenleere Welt der "Pittura metafisica", der metaphysischen Malerei.
Bilder beider Ausrichtungen sind in der Ausstellung "Die Kunst der Entschleunigung" zu sehen. Das Kunstmuseum Wolfsburg geht dem Gegensatz und Zusammenwirken von Bewegung und Ruhe in der Kunst anhand von 150 Werke von 80 bedeutenden Künstlern nach. Dabei spannt die Schau einen Bogen von Gemälden aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu kürzlich entstandenen Installationen, reicht von der Romantik über die klassische Moderne bis zur Gegenwart.
Gerhard Richter: Zwei Fiat, 1964
William Turner hat um 1840 in seinem Gemälde "Raue See mit Wrackteilen" die Unruhe des Meeres festgehalten. Caspar David Friedrichs "Meeresufer im Mondschein" von 1835/36 dagegen ist die Ruhe selbst. Ähnlich wie bei diesen beiden Bildern zeigt die Ausstellung weitere Gegensätze: Gerhard Richter zum Beispiel lässt 1964 in einem Bild zwei Autos scheinbar mit hoher Geschwindigkeit vorbei rauschen.
"The Slow Inevitable Death of American Muscle", demonstriert von Jonathan Schipper.
In einer spannenden Installation von Jonathan Schipper auf dem Platz vor dem Kunstmuseum steuern zwei Straßenkreuzer fast unsichtbar langsam, aber unaufhaltsam auf ein Ende der Bewegung zu: Nach einem in extremer Zeitlupe über viele Tage ausgedehnten Frontalzusammenstoß werden beide Autos stehen, die verbeulten Kühler fest ineinander verkeilt.
Untrennbare Gegensätze
Werke großer Künstlern wie Auguste Rodin, Marcel Duchamp oder Robert Delaunay stehen für die Bewegung oder Beschleunigung. Der Kinetiker Jean Tinguely hat in den 50er-Jahren lustige Maschinen konstruiert, die nur Lärm produzieren und sonst nichts. Das ruhige Gegengewicht dazu bilden fantastischen Welten des französsichen Malers Odilon Redon (1840-1916), Stillleben von Giorgio Morandi (1890-1964) und die auf Farbflächen reduzierte Malerei des 1970 verstorbenen Mark Rothko.
Viele zeitgenössische Künstler befassen sich mit Digitalisierung, Internet und neuen Geschwindigkeiten der Information. Der Medienkünstler Julius Popp, geboren 1973, findet dafür in seinen Installationen poetische Bilder: In seinem Werk "bit.fall" wird ein Wasservorhang digital so gesteuert, dass die fallenden Wassertropfen für einen Augenblick immer wieder neue Wörter bilden, im Fallen lösen sie sich kurz darauf wieder auf. Die zwei Stockwerke hohe Installation ist mit dem Internet verbunden: Die fallenden Worte entstammen dem nie pausierenden Informationsfluss im Web. Die Installation war 2007 bereits als Beitrag zu "Made in Germany I" im Kunstverein Hannover zu sehen.
Der nigerianische Fotograf George Osodi, geboren 1974, hat sehr unterschiedliche Alltags-Geschwindigkeiten in seiner Heimatstadt Lagos festgehalten, wo fast 10 Millionen Menschen leben. Dagegen verbildlichen Riesen-Gemälde von Anselm Kiefer die Vision einer menschenleeren Wüstenlandschaft. Verlangsamung im Film zeigt die Ausstellung unter anderem in Werken von Tacita Dean.
Der Innenhof des Kunstmuseums Wolfsburg ist wie ein japanischer Zen-Garten gestaltet.
Das Kunstmuseum Wolfsburg mit seinem ruhigen Japanischen Zen-Garten stellt sich selbst als Ort der Entschleunigung zur Verfügung, will Raum und Zeit für Reflexion anbieten. Katalog und Rahmenprogramm sollen eine Diskussion um das gesellschaftliche und individuelle Bedürfnis nach Entschleunigung anregen, wünschen sich die Kuratoren.

Tempo und Technik faszinieren viele Künstler, andere halten mit einer Ästhetik der Ruhe dagegen. 150 Beispiele hierzu zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg noch bis Ostermontag.