Das Rätsel um die Varusschlacht
Im Jahre 9 vernichtet Cheruskerfürst Arminius die römischen Truppen unter Varus. mehr
Schauplatz einer Schlacht im 3. Jahrhundert nach Christus: Das Harzhorn bei Kalefeld.
In blutigen Schlachten kämpften einst Römer gegen Germanen um die Herrschaft im Norden. Im Jahre 9 nach Christus - nach der verheerenden Niederlage in der Varusschlacht - gaben die Römer schließlich auf, verschanzten sich hinter dem Limes und trauten sich fortan nur noch auf Handelsreisen ins heutige Norddeutschland. Dies wurde bislang angenommen. Doch nun sind Spuren einer vergessenen Schlacht aufgetaucht. Römische Legionäre kämpften mitten in Niedersachsen, rund 200 Jahre nach der Varusschlacht, um die Vorherrschaft im Norddeutschland.
"Man hat nicht mehr mit einer so massiven Militärpräsenz im freien Germanien gerechnet. Das ist eine Sensation", sagt Petra Lönne, die Kreisarchäologin. Sie betreut die Ausgrabungen.
Relikt einer erbitterten Schlacht: Eine bei Ausgrabungen gefundene Pfeilspitze aus dem 3. Jahrhundert.
Das Geheimnis um die Römerschlacht in Kalefeld wurde zufällig von zwei Hobby-Archäologen gelüftet. Rolf-Peter Dix und Winfried Schütte suchen im Jahr 2000 an einem Waldhang Spuren einer mittelalterlichen Burg und entdecken eine alte Speerspitze. Die Dimension ihres Fundes ist den Entdeckern zunächst nicht klar. Erst acht Jahre später meldet Schütte seine Funde der Kreisarchäologin Petra Lönne. Bei erneuten Recherchen hatte er festgestellt, dass es sich um römische Relikte handeln könnte. Gewissheit verschafft ein Metallschuh, der in dieser Zeit nur von den Römern verwendet wurde. "Als ich die Hipposandale gesehen habe, war mir ja klar: Das sind römische Funde", erinnert sich Lönne. "Aber ich war sehr skeptisch. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass wir hier im Landkreis Northeim Hinterlassenschaften von den Römern finden. Deshalb sind wir zur Fundstelle gefahren und haben selbst mit einem Metallsuchgerät gesucht und konnten es nicht fassen. Wir sind tatsächlich fündig geworden. Das war ein unglaubliches Erlebnis!"
So beginnt die Operation "Römerschlacht". Aus Furcht vor Raubgräbern bleibt sie jedoch zunächst geheim. Monatelang durchkämmen Petra Lönne und ihr Team das Gelände am westlichen Harzrand und spüren ein erstaunlich gut erhaltenes Schlachtfeld auf. Rund 600 Fundstücke entdecken die Wissenschaftler - darunter Waffenreste, die sich eindeutig auf die Zeit nach 150 datieren lassen. Katapultgeschosse beweisen, dass die Römer tatsächlich als Truppe unterwegs waren - denn die Bolzen, die sie verwendeten wurden nur von der imperialen Feldartillerie verschossen. "Wenn man sich die Durchschlagskraft dieser Geschosse anschaut, dann muss es eine unerbittliche Schlacht gewesen sein, ein blutiger Kampf, mit vielen Verletzten", so Lönne.
Anhand der Fundverteilung rekonstruieren Archäologen den Schlachtverlauf. Gelbe und grüne Tennisbälle stehen für Fernwaffen, orange markiert Nahkampf und Abmarschweg. Die Auswertung dieses "Jahrhundertfundes" wird Archäologen noch über Jahre hinweg beschäftigen. Im März rückt Verstärkung von der Freien Universität Berlin an.
So spektakulär der Sieg der Römer in Kalefeld aus historischer Sicht auch sein mag - genützt hat er wenig. Im vierten Jahrhundert wurde Rom doch von den Barbaren überrannt.