Kulturjournal
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Paul Klees Engelszeichnungen sind außerordentlich populär. Doch wieso eigentlich? Die Hamburger Kunsthalle untersucht in der gemeinsam mit dem Paul Klee Zentrum Bern und dem Folkwang Museum Essen entstandenen Ausstellung "Paul Klee. Engel", was genau es mit Klees geflügelten Wesen auf sich hat.
Erstmals werden dafür fast alle Engelsbilder des Künstlers präsentiert, rund 80 Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen und einige Gemälde. Eines der wenigen fehlenden Werke ist der Angelus Novus, der durch Walter Benjamins politische Lesart berühmt wurde. Ganz am Ende der Ausstellung hängt in einer Nische ein Faksimile von ihm, ergänzt um eine kleine Rezeptionsgeschichte des Bildes und eine Hörstation mit zeitgenössischer Musik zu Paul Klees Engeln.
Die überirdischen Wesen des Expressionisten sind kostbare und vor allem beliebte Kunstwerke. Erstmals werden fast alle seine Engelbilder in der Kunsthalle präsentiert.
Ein Engel wartet. Ein anderer weint große Tränen. Einer freut sich an einer kleinen Schelle, die an seinem Gewand hängt. Wieder andere blicken dämonisch aus schwarzen Augenhöhlen, sind wohl mit dem Teufel im Bunde. Paul Klees Engel sind alles andere als strahlende Gottesboten oder Heilsbringer.
Die Engel wirken sehr irdisch, was jeden einzelnen von ihnen ziemlich sympathisch macht. Denn, so Kuratorin Karin Schick: "Weil der Engel eben - und das hat Klee gut erkannt - das Menschliche ist. Wir verstehen, dass das mit uns zu tun hat: Der sieht aus wie wir, nur ein bisschen anders. - Also das Lieblingszitat von Paul Klee in Bezug auf Engel für mich ist: 'Dort - nämlich bei den Engeln - ist alles wie bei uns, nur englisch.'"
Der Künstler Paul Klee (1879 - 1940) in einer Aufnahme aus dem Jahr 1921
So sollte man Klees Engel nicht mit allzu viel philosophischer Bedeutung füllen: Der Zeichner treibt hier vor allem seinen Spaß mit dem traditionellen christlichen Motiv, und kreiert gleichzeitig seine eigene, kleine Menschen-Engel-Welt, in der zwar alle Flügel tragen, aber nicht einer fliegt. Überhaupt diese Gestalten: Die meisten bestehen lediglich aus einer abstrahierenden Umrisslinie, zwei Dreiecken als Flügel, sowie einem runden Kopf mit Knopfaugen und Strichmund.
Schon in seiner Jugend zeichnete Klee ab und zu Engel. Mit diesen frühen Arbeiten eröffnet auch die Ausstellung. 1931 schuf der mittlerweile 52-jährige Künstler erstmals eine ganze Serie von Engeln.
Ab 1933 veränderte sich Klees Situation dramatisch: Die Faschisten jagten den Maler aus seiner Professur, vertrieben ihn aus Deutschland. Klee emigrierte in die Schweiz, wo seine Engel ein 2. Gesicht erhielten: Fortan konnten sie auch böse sein, waren Luzifer, der Teufel.
Dabei vermied Klee alles Eindeutige seiner Gestalten. Sein Luzifer gleicht weniger dem vom christlichen Gott in die Hölle Gestürzten, als dem antiken Luzifer, der den Menschen das Licht brachte, die Vernunft. Denn Klee zeigt ihn - in faschistischen Zeiten - angeschlagen auf der Erde liegend, entsetzt den Betrachter anblickend.
Ein Gang durch die Bildgeschichte geflügelter Wesen macht anschaulich, wie Paul Klee aus den Traditionen schöpft, sich aber mit seinen persönlichen Darstellungen davon absetzt (Domenico Beccafumi, gen. Mecarino (1486 -1551), Kopie nach einer Studie zum Heiligen Michael, nach 1524, Rötel, 217 x 147 mm).
Etwa 86 Engelsdarstellungen schuf Paul Klee im Laufe seines Lebens. Davon 60 allein zwischen 1939 und 40, als er bereits todkrank war. Sie hängen nun in mehreren Gruppen dicht an dicht an den Wänden und es wirkt, als hätte der Künstler den Bleistift nicht einmal abgesetzt.
Man sieht anrührende, garstige und bittere Engel. Engel, die vor Hunger fast nur noch aus leeren Augenhöhlen bestehen, einen daumenlutschenden Engel auf dem Weg in den Kindergarten, sogar eine Miss-Engel mit üppig-runden Brüsten.
Klees geflügelte Wesen dürften zu den verrücktesten - und realistischsten - Vertretern ihrer Art zählen. Die Begegnung mit ihnen entpuppt sich als ausgesprochen vergnüglich und hintersinnig. Zumal in einem großen Nebensaal Zeichnungen von Dürer, Rubens und anderen alten Meistern vorführen, wie ein Engel "richtig" aussehen und sich benehmen sollte. Und damit heben sie Klees eigenwillige Vorstellungen noch einmal hervor.

Anrührende, garstige und verrückte Engel - 86 Engelsdarstellungen schuf Paul Klee im Laufe seines Lebens. Fast alle zeigt die Hamburger Kunsthalle jetzt in einer Ausstellung.