Giacometti-Doppelausstellung
Das facettenreiche Werk des Bildhauers ist in Hamburg zu sehen.
Video starten (02:37 min)Von Marc-Oliver Rehrmann
Alberto Giacometti galt schon zu Lebzeiten als Legende.
Der Höhepunkt der Ausstellung kommt ganz am Ende des Rundganges. In einem lichtdurchfluteten Raum mit Blick auf die Außenalster steht die Bronzeskulptur "Schreitender Mann" von Alberto Giacometti. Es ist eines der teuersten Kunstwerke der Welt. Eine andere Version des Schreitenden Mannes wurde auf einer Auktion in London für umgerechnet 74 Millionen Euro versteigert. Nie wurde für eine Skulptur mehr bezahlt. Der Hamburger Kunsthalle ist es für die spektakuläre Schau "Giacometti. Spielfelder" gelungen, den Schreitenden Mann aus einer Privatsammlung auszuleihen. "Aber dies ist nur ein sensationeller Nebenaspekt", sagte Kunsthallen-Direktor Hubertus Gaßner am Tag der Eröffnung. Denn die Ausstellung besticht vor allem durch ihre neuartige Fragestellung. Sie zeigt auf, dass Giacometti in seinem bislang wenig beachteten surrealistischen Frühwerk vieles vorwegnimmt, was er später in seinem Nachkriegswerk ausführt.
Mehr als 200 Werke hat die Kunsthalle zusammengetragen. Skulpturen, Zeichnungen und Gemälde. "Es hat mehrere Jahre gedauert, all die Leihgaben zu organisieren", erzählt Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers. Die Kunsthistorikern forscht seit zehn Jahren über das Werk Giacomettis. Mit ihrer Ausstellungsidee überzeugte sie selbst die Sammler, die ansonsten nie ihre Giacometti-Werke verleihen. Auch große Namen der Museenwelt wie das MoMA in New York, das Centre Pompidou in Paris oder das Guggenheim schickten Skulpturen und Zeichnungen. "Viele Werke, die jetzt in Hamburg zu sehen sind, wird man wohl nie wieder zu Gesicht bekommen", sagte Görgen-Lammers. Die Versicherungssumme für die gezeigten Werke betrage insgesamt 300 Millionen Euro. "Allein dafür, dass der Schreitende Mann hier drei Monate ausgestellt ist, zahlen wir 50.000 Euro an die Versicherung", verrät die Kuratorin im Gespräch mit NDR.de.
Die Ausstellung lädt dazu ein, mit einem neuen Blick auf das Frühwerk das Spätwerk neu zu entdecken. "Wir zeigen einen anderen Giacometti, den jungen Giacometti", sagte Görgen-Lammers. "Für viele Ausstellungsbesucher, die den bekannten Giacometti erwarten, wird der Rundgang anfangs ein Schock sein." Zu sehen sind in den ersten Räumen Zeichnungen und Objekte aus den frühern 1930er-Jahren - als Giacometti zum Kreis der Pariser Surrealisten um André Breton zählte. Der Schweizer - damals noch ein gänzlich unbekannter Künstler - befasst sich schon zu jener Zeit mit der Frage, wie Figuren auf einer horizontalen Fläche anzuordnen sind. Dieses Hin- und Herschieben erinnert an Figuren auf einem Spielbrett. Deshalb der Titel der Ausstellung: Spielfelder.
Immer wieder beschäftigt sich Giacometti mit den Zwischenräumen von Dingen und Menschen. Von ihm selbst stammt die Anekdote, dass er schlecht einschlafen konnte, weil ihn die Frage quälte, wie er am besten seine Schuhe und Socken vor dem Bett anordnen soll. Auch im Café ließ ihn die Frage nicht los, wie die Dinge am besten zueinander stehen. Ein Zeitgenosse erzählt: "So geschah es im Café, dass ihn die Stellung der Tasse, des Aschenbechers und der Zigarettenpackung beunruhigte. Er ordnete sie auf verschiedene Weise, indem er die Stelle suchte, wo jeder Gegenstand auf dem Tisch mit jedem anderen in Beziehung gesetzt wird. Aber er findet diese Konstellation nie." So blieb Giacometti immer auf der Suche. Er wollte auch gar nicht etwas Endgültiges, Fertiges schaffen. Ihn reizte es, zu sehen, wie sich die Beziehung der Dinge zueinander ändert, wenn man sie verschiebt.
So war Giacometti auch bei seinen Spielfeldern nie darauf aus, die perfekte Lösung zu finden. Später begann er, sogar den Zufall zu schätzen. So verfügte er einmal für eine große Ausstellung: Man möge die Skulpturen einfach so im Raum stehen lassen, wie sie die Transport-Arbeiter abgestellt haben. Ausschlaggebend war ein Erlebnis in seinem Pariser Atelier: Giacometti hatte eines Abends einige Skulpturen achtlos auf einen Tisch abgestellt. Als er am nächsten Morgen zurückkehrte, war er fasziniert von dem Bild, das sich ihm bot. Der Zufall hatte die Figuren besser angeordnet als wochenlange Grübelei.
Der Schweizer Künstler Alberto Giacometti gilt als der bedeutendste Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Sein facettenreiches Werk ist jetzt in Hamburg zu sehen.
Jahrzehntelang träumte der Schweizer davon, eine große Skulpturen-Gruppe im öffentlichen Raum zu realisieren. 1958 erhielt er schließlich das Angebot, vor der Chase Manhattan Bank in New York, ein Monument zu schaffen. Giacometti sagte sofort zu: "Als der Architekt vorschlug, dass ich einige Skulpturen für einen Platz machen sollte, akzeptierte ich, um das Thema ein für alle mal erledigen zu können." Zwar scheiterte das Projekt letztendlich, weil der Architekt mit dem Entwurf nicht zufrieden war. Aber die drei Figuren, die Giacometti für diesen Auftrag herstellte, gelten als sein künstlerisches Vermächtnis. Zu sehen sind sie alle in der Kunsthalle: der Schreitende Mann, die Stehende Frau und der Große Kopf. "Ich konnte einfach nicht anders, als den Mann immer schreitend und die Frau immer stehend darzustellen", sagte Giacometti einmal.
Die Kunsthalle selbst hat für die Ausstellung nur zwei Giacometti-Werke beisteuern können: eine Skulptur und ein Gemälde. Früher hatte das Haus sogar drei Werke des Schweizers. Aber bei der Langen Nacht der Museen im Jahr 2002 gelang es einem Dieb, eine Giacometti-Skulptur unbemerkt aus der Kunsthalle zu entwenden. Sein Trick: Er stellte einfach eine - handwerklich schlecht gemachte - Kopie an die Stelle des Originals. Bei dieser Ausstellung haben Diebe schlechte Karten: Für die Sicherheit der Kunstschätze ist gesorgt.

Die Hamburger Kunsthalle zeigt aktuell eine spektakuläre Giacometti-Ausstellung. Sie widmet sich dem Frühwerk des Schweizers. Selbst für Fachleute gibt es Neues zu entdecken.