Lehmbruck-Retrospektive in Schleswig
Schon weit vor Giacometti ließ Wilhelm Lehmbruck seine Gestalten in den Himmel wachsen. Schloss Gottorf zeigt, wie der geniale Expressionist die Bildhauerei erneuerte. (Ankündigung vom 21.01.2013) mehr
Die meisten Besucher schüttelten ungläubig den Kopf. Jahrzehntelang arbeitete Alberto Giacometti in einem kleinen, kargen Atelier in Paris. Nicht einmal 20 Quadratmeter kamen zusammen. Es gab anfangs kein fließendes Wasser, kein elektrisches Licht, keine Heizung. "Es ist entsetzlich", schrieb die Schriftstellerin Simone de Beauvoir nach einem Atelier-Besuch. "Im Dach sind Löcher, es regnet herein." Und doch: Giacometti wechselte nie sein Atelier, auch nicht als reicher und weltberühmter Mann. "Seltsam, als ich 1927 dieses Atelier mietete, dachte ich, es sei winzig", erinnert sich der Künstler später. "Ich wollte sobald wie möglich ausziehen, da es so eng war- nicht mehr als ein Loch. Aber je länger ich blieb, desto größer wurde es." Hier schuf er fast alle seine Werke.
Paris war Giacomettis Wahlheimat. Aufgewachsen ist er in der Abgeschiedenheit der Schweizer Alpen - in dem Bergdorf Stampa. Als Kind verbringt er viel Zeit im Atelier seines Vaters, dem Maler Giovanni Giacometti. "Es gab für mich kein größeres Vergnügen, als nach der Schule ins Atelier zu laufen und mich in meine Ecke beim Fenster zu setzen, um Bücher anzuschauen und zu zeichnen", schilderte Giacometti. Er kopiert schon als Jugendlicher eifrig alte Gemälde aus den Kunstbüchern seines Vaters. Rückblickend wird Giacometti später sagen, er könne sich keine glücklichere Jugend vorstellen.
1922 zog Giacometti nach Paris - im Alter von 20 Jahren. Die erste Zeit fühlte er sich in fremd in der Millionenstadt. Aber bald verkehrt er mit den großen Namen seiner Zeit wie Hans Arp, Max Ernst und Pablo Picasso. Seine Persönlichkeit faszinierte viele. "Für alle Menschen, die Giacometti getroffen haben, ist es ein einschneidendes Ereignis in ihrem Leben gewesen", meinte einmal der englische Bildhauer Raymond Mason. Giacometti verbringt die Zeit entweder in seinem Atelier oder in den Cafés und Restaurants im Künstlerviertel Montparnasse. Es war kein Geheimnis, dass er auch häufig Bordelle aufsuchte.
Seine Familie war ihm stets wichtig. Sein Bruder Diego geht ihm in all seinen Pariser Jahren im Atelier zur Hand. Auch seiner Mutter stand er sehr nahe. Es heißt, Alberto Giacometti habe täglich mit ihr telefoniert.
Anfang der 30er-Jahre schloss sich Giacometti den Surrealisten um André Breton an. Er verkauft etliche seiner Arbeiten an Kunstsammler. Doch schon 1934 bricht er wieder mit den Surrealisten. "Das Abenteuer war für mich abgeschlossen", sagte Giacometti später. Sein neues Ziel - so schlicht wie irritierend: Er wolle "einen Kopf hinkriegen". Seiner Ansicht nach war es bisher niemandem gelungen, das menschliche Antlitz gebührend darzustellen. Viele Künstlerfreunde nahmen ihm seine Abkehr vom Surrealismus übel. Aber Giacometti hatte das Thema gefunden, das ihn bis zum Lebensende nicht mehr loslassen sollte: Er wollte die Dinge so malen, wie man sie sieht - nicht wie sie sind.
Am besten veranschaulicht eine Anekdote die Sichtweise Giacomettis: "Einmal, als ich 18 oder 19 Jahre alt war, zeichnete ich im Atelier meines Vaters einige Birnen, die auf dem Tisch lagen - in der für ein Stillleben üblichen Distanz. Doch sie gerieten mir kleiner und kleiner. Ich begann von neuem, aber sie blieben so klein. Mein Vater sagte verärgert: 'Jetzt mach sie doch mal so, wie sie sind.' Und er zeichnete sie in natürlicher Größe in mein Blatt hinein. Ich versuchte, sie auch so zu machen. Und eine halbe Stunde später waren meine Birnen auf den Millimeter genau so groß wie beim ersten Mal." Es ging ihm also nicht darum, etwas möglichst naturgetreu nachzubilden. Er wollte zeigen, dass zwischen einem Objekt und seinem Betrachter immer eine gewisse Distanz liegt.