AKTUELLES AUS DER REGION
Radio & Fernsehen

Kulturjournal

NDR Fernsehen: Kulturjournal

Aktuelle Kultur und neue Bücher im NDR Fernsehen, montags ab 22.45 Uhr. mehr


Abendjournal - Bessere Zeiten für Kultur

NDR 90,3

Das Kulturmagazin für Hamburg hören Sie montags bis freitags nach den 18.00-Uhr-Nachrichten. mehr


NDR Kultur - Hören und Genießen

NDR Kultur

Das Kulturprogramm für Deutschlands Norden im Radio. mehr

 

Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Doch wer bestimmt eigentlich, was gut oder schlecht, was schön oder hässlich, was Kunst oder Kitsch ist? Was überhaupt ist Geschmack?

Fragen über Fragen, denen das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in seiner neuen Ausstellung "Böse Dinge" nachgeht. Die Schau versteht sich als eine "Enzyklopädie des Ungeschmacks". "Böse Dinge" präsentiert rund 60 Objekte aus dem "Schreckenskabinett" des Kunsthistorikers Gustav E. Pazaurek. Diese Anschauungsobjekte für "geschmackliche Entgleisungen" werden aktuellen Designobjekten gegenübergestellt. Das Berliner Museum der Dinge hat die Schau konzipiert.

So geht schlechter Geschmack

Kulturjournal - 27.05.2013 22:45 Uhr - Autor/in: Natasja Hackbarth

Ob Designsünden oder Abgründe der Alltagskunst: Im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg gibt es derzeit vor allem viel herrlichen geschmacklosen Kitsch zu sehen.

Pazaureks "Geschmacksbibel"- ein Anti-Warenbuch

Der Kunsthistoriker Pazaurek hat 1909 im Stuttgarter Landesmuseum eine "Abteilung der Geschmacksverirrung" eröffnet - sein Ziel: Menschen zum "guten Geschmack" zu erziehen. Pazaurek war Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds, der Keimzelle für die Debatte um die "Gute Form" im Design. Die Sammlung des Museums enthielt ausnahmslos abschreckende Beispiele für kunsthandwerkliche Produkte, die den "schlechten" Geschmack am Objekt entlarven sollten. Dieses "Schreckenskabinett" des Kunsthistorikers war zugleich ein "Anti-Warenbuch" in der Design-Debatte.

Pazaurek ging noch weiter, entwickelte eine umfangreiche Systematik zur Klassifizierung der Dinge. Seine drastischen Begriffe "Dekorbrutalitäten", "Materialvergewaltigung" oder "funktionelle Lügen" deklassierten Mittelmaß als Bodensatz. Worin aber liegt das Böse eines Objekts? Für Pazaurek war es vor allem die äußere Erscheinung, das Material und die Konstruktion.

Gut und böse heute

Anfang des 20. Jahrhunderts formulierten Anhänger der Reformbewegung und der Bauhaus Kunstschule Geschmack als gegen die Prunksucht und die Dekorationswut der Gründerzeit gerichtet. Die Ausstellung in Hamburg überprüft Pazaureks Systematik auf ihre aktuelle Gültigkeit hin, gleichzeitig werden neue Kategorien entworfen, die heute Dinge als "gut" und "böse" charakterisieren können.

Dinge beim Namen nennen

In der Postmoderne ist der Glaube an den ästhetischen Fortschritt verpufft. Kitschkunst spielt mit Tabus im Bildungsbürgertum, mit der Leere von Klischees. Sie sprengt den zuvor geltenden traditionellen Kunstbegriff. Alltagsgegenstände werden in neuem Kontext zu Kunst aufgewertet und so mancher Kitsch avanciert zum Kult.

Mediale Inszenierungen präsentieren Objekte aus der Sammlung des Museums in neuen Zusammenhängen und erlauben so einen neuen Blick auf sie. Innerhalb der Ausstellung ist das Projekt "Name That Thing" - Dinge beim Namen nennen - der Muthesius-Kunsthochschule Kiel zu sehen. In Projektionen, Installationen, Objekten, Fotografien und Texten beschäftigen sich Kunststudenten mit dem Thema der Kitschkunst und beleuchten das Museum als geschmacksbildende Instanz.

Ausstellung interaktiv oder Schrottwichtel 2.0

Die Besucher der Schau sind eingeladen, sich an der Geschmacksdebatte aktiv zu beteiligen. Im Rahmen einer Tauschbörse können Sie all Ihre aus der Mode gekommenen Dekostücke, überflüssigen Souvenirs, unliebsamen Geschenke, verunglückten Designobjekte oder aus einer Laune heraus gekauften Kitschartikel mitbringen und gegen ein "böses" Ding von anderen tauschen. Jeder mitgebrachte Gegenstand bekommt ein Identifikationskärtchen, das den ursprünglichen Besitzer nennt und den Grund, weshalb der Gegenstand für ihn ein "böses Ding" ist.

Wer die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe besucht, hat nicht nur mehr erfahren über die Beziehung von Kunst und Kitsch, er kommt womöglich zu der Überzeugung, dass sich Geschmack eben doch diskutieren lässt - kontrovers, versteht sich.

Skulptur "Das große Hasenstück", Motiv nach einem Aquarell von Albrecht Dürer, Ottmar Hörl, 2003, Sammlung Werkbundarchiv - Museum der Dinge, in der Ausstellung "Böse Dinge" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg / Sammlung Werkbundarchiv - Museum der Dinge

Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks

Was ist Kunst, was sind nur geschmackliche Entgleisungen, die uns umgeben? Die Ausstellung "Böse Dinge" im Museum für Kunst und Gewerbe gießt Öl in die entfachte Design-Debatte.

  • Art: Ausstellung
  • Datum:
  • Ende:
  • Adresse:
    Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
    Steintorplatz
    20099  Hamburg
  • Telefon: (040) 42 81 34 - 880
  • E-Mail: service@mkg-hamburg.de
  • Preis: 10 Euro, ermäßigt 7 Euro, Do ab 17 Uhr 7 Euro, unter 18 Jahre frei
  • Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr
    Do 10-21 Uhr (an oder vor Feiertagen: 10-18 Uhr)
  • Hinweis: Führungen - sie finden meist sonntags statt, siehe Kalender auf der Website des MKG Hamburg - sind im Eintrittspreis inbegriffen

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 27.05.2013 | 22:45 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/kunst_und_ausstellungen/hamburg/boesedinge101.html
Video
Ausstellung über Geschmacksverirrungen im Museum © NDR
 
Video

Kitsch im Museum

15.05.2013 | 19:30 Uhr
NDR Fernsehen: Hamburg Journal

Die Enzyklopädie des Ungeschmacks im MKG.

Video starten (02:25 min)
Links

Informationen zur Ausstellung und Begleitprogramm auf der Homepage des Museums.

Link in neuem Fenster öffnen
weitere Ausstellung
Kusakabe Kimbei, Tänzerinnen, um 1890, Albumin, koloriert, in der Ausstellung "Typisch Japan. Reisefotografie des 19. Jahrhunderts" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg Fotograf: Maria Thrun
 

Typisches aus Japan in Hamburg

Eine Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe zeigt Reisefotografie des 19. Jahrhunderts. mehr

Dauerausstellung im Museum
Die Kantine des Spiegel-Verlags in Hamburg wird abgebaut © dpa-Bildfunk Fotograf: Christian Charisius
 

Alte "Spiegel"-Kantine an neuem Ort

Die Designerkantine ist jetzt im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen. mehr

Rückblick
Werbeschilder aus der Ausstellung "Als Kitsch noch Kunst war" im Museum für Kunst und Gewerbe © MKG Hamburg, fotolia Fotograf: Eky Chan
 

Als Kitsch noch Kunst war

Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zum Farbendruck im 19. Jahrhundert. mehr