Kulturjournal
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Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Doch wer bestimmt eigentlich, was gut oder schlecht, was schön oder hässlich, was Kunst oder Kitsch ist? Was überhaupt ist Geschmack?
Fragen über Fragen, denen das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in seiner neuen Ausstellung "Böse Dinge" nachgeht. Die Schau versteht sich als eine "Enzyklopädie des Ungeschmacks". "Böse Dinge" präsentiert rund 60 Objekte aus dem "Schreckenskabinett" des Kunsthistorikers Gustav E. Pazaurek. Diese Anschauungsobjekte für "geschmackliche Entgleisungen" werden aktuellen Designobjekten gegenübergestellt. Das Berliner Museum der Dinge hat die Schau konzipiert.
Ob Designsünden oder Abgründe der Alltagskunst: Im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg gibt es derzeit vor allem viel herrlichen geschmacklosen Kitsch zu sehen.
Der Kunsthistoriker Pazaurek hat 1909 im Stuttgarter Landesmuseum eine "Abteilung der Geschmacksverirrung" eröffnet - sein Ziel: Menschen zum "guten Geschmack" zu erziehen. Pazaurek war Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds, der Keimzelle für die Debatte um die "Gute Form" im Design. Die Sammlung des Museums enthielt ausnahmslos abschreckende Beispiele für kunsthandwerkliche Produkte, die den "schlechten" Geschmack am Objekt entlarven sollten. Dieses "Schreckenskabinett" des Kunsthistorikers war zugleich ein "Anti-Warenbuch" in der Design-Debatte.
Pazaurek ging noch weiter, entwickelte eine umfangreiche Systematik zur Klassifizierung der Dinge. Seine drastischen Begriffe "Dekorbrutalitäten", "Materialvergewaltigung" oder "funktionelle Lügen" deklassierten Mittelmaß als Bodensatz. Worin aber liegt das Böse eines Objekts? Für Pazaurek war es vor allem die äußere Erscheinung, das Material und die Konstruktion.
Anfang des 20. Jahrhunderts formulierten Anhänger der Reformbewegung und der Bauhaus Kunstschule Geschmack als gegen die Prunksucht und die Dekorationswut der Gründerzeit gerichtet. Die Ausstellung in Hamburg überprüft Pazaureks Systematik auf ihre aktuelle Gültigkeit hin, gleichzeitig werden neue Kategorien entworfen, die heute Dinge als "gut" und "böse" charakterisieren können.
In der Postmoderne ist der Glaube an den ästhetischen Fortschritt verpufft. Kitschkunst spielt mit Tabus im Bildungsbürgertum, mit der Leere von Klischees. Sie sprengt den zuvor geltenden traditionellen Kunstbegriff. Alltagsgegenstände werden in neuem Kontext zu Kunst aufgewertet und so mancher Kitsch avanciert zum Kult.
Mediale Inszenierungen präsentieren Objekte aus der Sammlung des Museums in neuen Zusammenhängen und erlauben so einen neuen Blick auf sie. Innerhalb der Ausstellung ist das Projekt "Name That Thing" - Dinge beim Namen nennen - der Muthesius-Kunsthochschule Kiel zu sehen. In Projektionen, Installationen, Objekten, Fotografien und Texten beschäftigen sich Kunststudenten mit dem Thema der Kitschkunst und beleuchten das Museum als geschmacksbildende Instanz.
Die Besucher der Schau sind eingeladen, sich an der Geschmacksdebatte aktiv zu beteiligen. Im Rahmen einer Tauschbörse können Sie all Ihre aus der Mode gekommenen Dekostücke, überflüssigen Souvenirs, unliebsamen Geschenke, verunglückten Designobjekte oder aus einer Laune heraus gekauften Kitschartikel mitbringen und gegen ein "böses" Ding von anderen tauschen. Jeder mitgebrachte Gegenstand bekommt ein Identifikationskärtchen, das den ursprünglichen Besitzer nennt und den Grund, weshalb der Gegenstand für ihn ein "böses Ding" ist.
Wer die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe besucht, hat nicht nur mehr erfahren über die Beziehung von Kunst und Kitsch, er kommt womöglich zu der Überzeugung, dass sich Geschmack eben doch diskutieren lässt - kontrovers, versteht sich.

Was ist Kunst, was sind nur geschmackliche Entgleisungen, die uns umgeben? Die Ausstellung "Böse Dinge" im Museum für Kunst und Gewerbe gießt Öl in die entfachte Design-Debatte.