Kulturjournal
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Für Heiko Kunert ist es ein ganz besonderer Moment. Der 37 Jahre alte Hamburger steht am Ufer eines Seitenkanals der Alster und macht das erste Foto seines Lebens. Im Alter von sieben Jahren ist er erblindet, nun macht er beim neuesten Projekt des Hamburgers Kilian Foerster mit. Der Fotograf hat blinde Menschen gebeten, einen Ort zu fotografieren, der ihnen vertraut ist. Anschließend sollten sie mit eigenen Worten beschreiben, was wohl auf dem Foto zu sehen ist. Die Frage, die dahinter steht: Wie nehmen Sehende und Blinde ein- und denselben Ort wahr? Mal ist auf dem Bild der blinden Fotografen ein Kiosk zu sehen, mal die Stammkneipe oder der Freund auf einem Bett.
"Ich wollte gerne etwas Schönes einfangen", verrät Kunert im Gespräch mit NDR.de. Deshalb wählte er einen seiner Lieblingsorte aus: einen Steg am Goldbekkanal. "Für mich ist das ein schöner Ort, vor allem weil er relativ ruhig ist." Er könne dort oft die Bäume und die Vögel hören. Das Fotografieren war für ihn ein Wagnis. "Ich wusste natürlich nicht, ob der Ort auch als Motiv für ein Foto taugt", erzählt Kunert. "Es hätte ja auch sein können, dass auf dem Bild eine hässliche Steinwand zu sehen ist." Die Sorge war unbegründet. Zu sehen ist ein idyllischer Ort am Wasser mit einer Trauerweide im Vordergrund.
Seit Mai läuft das Projekt mit dem Titel "blind". Zehn blinde Menschen haben bislang mitgemacht: neun aus Hamburg und eine Frau aus Oldenburg. Die Idee kam Kilian Foerster schon vor einiger Zeit. "Mich hat die Frage gereizt, wie Menschen ihre Umwelt erleben, die nicht der ständigen Bilderflut ausgesetzt sind." Er selbst hat für das Projekt ebenfalls seine Kamera in die Hand genommen. Entstanden sind Porträts der Blinden in Schwarz-Weiß.
Der 41 Jahre alte Hamburger hat durch die Zusammenarbeit mit den sehbehinderten Frauen und Männern einiges gelernt. Es habe ihn fasziniert, wie detailliert viele Blinde ihre Umwelt beschreiben können. "Ich hatte die Vorstellung, dass Blinde die ganze Zeit durch einen schwarzen Raum laufen." Dem sei aber nicht so. Und es habe ihn gefreut, wie engagiert alle dabei waren. "Den Blinden hat das Fotografieren unglaublichen Spaß gemacht", berichtet Foerster. Auch die Neu-Fotografen sind angetan. Heiko Kunert hat von vielen Seiten gehört, dass sein Bild gelungen sei. Die 80-jährige blinde Hamburgerin Ruth Wunsch ist ebenfalls voll des Lobes. Sie hat ihr Wohnzimmer und eine Kirche fotografiert. Auf ihrem Internet-Blog "Blindgängerin" schreibt sie: "Ich muss sagen, dass mir die Bilder allesamt sehr gut gefallen. Und auf mein Porträt bin ich sogar ein bisschen stolz."
Womöglich kommen weitere Bilder hinzu. Kilian Foerster kann sich gut vorstellen, die Fotoreihe fortzuschreiben. "Wenn sich weitere Blinde bei mir melden, die mitmachen möchten, bin ich bereit." Allerdings sollten sie möglichst aus Hamburg und Umgebung kommen. Foerster ist durch seinen zweiten Beruf als Physiotherapeut an die Hansestadt gebunden.