Stand: 18.09.2015 17:11 Uhr

Blicke ins mittelalterliche Leben Lübecks

von Nadine Dietrich

"Gemacht zu Lübeck" - das galt im späten Mittelalter als Wertmarke, wenn es um sakrale Kunst ging. In Kopenhagen, Stockholm, Tallin riss man sich um Altäre, Gemälde und Skulpturen aus der Königin der Hanse. Aus Anlass des Doppeljubiläums - 500 Jahre Kloster, 100 Jahre Museum - eröffnet das St. Annen-Museum am Sonntag die Schau "Lübeck 1500. Kunstmetropole im Ostseeraum". Eine Jahrhundertausstellung. Diese Bezeichnung scheint nicht zu hochgegriffen, denn eine derart umfassende Ausstellung zu lübischer Kunst im Spätmittelalter hat es im ganzen Ostseeraum noch nicht gegeben.

Zeitreise in die Kunst des Mittelalters

Ein visuelles Abenteuer

Goldene Heiligenscheine, der gekreuzigte Jesus, festliche Tafelrunden, Menschen, die ertränkt und gekocht werden, ein goldenes Einhorn in Marias Schoß, durchscheinende Engel -die Ausstellung zeigt die Fülle, Pracht und Farbenfreude an biblischen Figuren, Symbolen und Geschichten im späten Mittelalter. "Was wir präsentieren sind Originale, Reste und Zeugnisse von einer untergegangenen und vielfach nicht mehr verstandenen Bilderwelt. Es ist eine Zeitreise und ein visuelles Abenteuer, das einen vielleicht auch zur Ruhe zwingt", erklärt Kurator Jörg Rosenfeld die Ausstellung, die im Klostermuseum St. Annen und in der dazugehörigen modernen Kunsthalle gezeigt wird. Zu sehen sind Kunstwerke aus der Zeit zwischen 1460 und 1540, der letzten Blüte sakraler Kunst vor der Reformation.

Lübeck war einst Kunstmetropole

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Kurator Jörg Rosenfeld bezeichnet die Ausstellung als Zeitreise, "die einen vielleicht auch zur Ruhe zwingt".

Damals übertrafen sich im Ostseeraum Kaufleute und Bruderschaften mit Aufträgen für prächtige Flügelaltäre, Goldschmiedearbeiten, reich bebilderte Buchdrucken und Skulpturen - bestellt wurde in Lübeck. Die Stadt stand damals als Kunstmetropole neben Antwerpen, Nürnberg, Köln und Straßburg. "Das war so, weil Lübeck eine reiche Stadt war, die an den Hauptrouten des Hansehandels lag", erläutert Rosenfeld. "Das zog die Kunst an - und sie wurde auch nachgefragt."

Einzigartige Sammlung sakraler Kunst

Diese Zeiten sind vorbei, aber es ist etwas Einzigartiges erhalten geblieben: Nirgendwo sonst gibt es eine derart große und wertvolle Sammlung sakraler Kunst aus einem so kleinen Territorium: der Lübecker Altstadt. Ausgestellt sind sowohl Kunstwerke, die in Lübeck produziert wurden als auch Kunstimporte Lübecker Kaufleute. Köln zum Beispiel hat auch eine respektable Sammlung, aber die Kunstwerke wurden im gesamten Rheinland zusammengetragen. Der größte Schatz der Sammlung im St. Annen-Museium ist der sogenannte Memling-Altar. "Es ist ein Gemälde-Altar, der von Hans Memling in Brügge 1491 für einen Lübecker Auftraggeber gemalt wurde", erklärt Rosenfeld. Der goldgefasste Altar mit der Passionsgeschichte steht auf einem Sockel in Himbeerrot.

Bildschnitzer brachten Ideen aus dem Süden mit

Die gesamte Ausstellungsarchitektur ist in diesem markanten Farbton gehalten. Je nach Beleuchtung wirkt sie karmesinrot oder tendiert ins Pink: knallig und gewagt. Tatsächlich aber gibt das Himbeerrot den roten Umhängen und Mänteln in den Altarbildern eine frische Betonung. Und den naturbelassenen Holzskulpturen einen so starken Hintergrund, dass jede Falte und jeder Fingerzeig der Figuren hervorsticht. Sie wirken so noch plastischer - auch die wertvollste Leihgabe: die Mutter Gottes von Veit Stoß aus Nürnberg. Sie galt den Lübecker Künstlern damals als Stilikone. "Um 1510 herum sind Bildschnitzer durchaus nach Süden gewandert und haben in den dortigen Werkstätten für eine kurze Zeit mitgearbeitet. So haben sie sich inspirieren lassen und haben diese neuen, modernen Formen mit nach Lübeck zurückgebracht", weiß Rosenfeld.   

Anrührende Blicke ins frühere Leben

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Die Ausstellung zeigt auch zahlreiche Exponate aus dem Mittelalter, wie dieses Trinkgefäß für Kinder.

Und tatsächlich lassen sich erstmals Faltenwürfe oder zum Beispiel die geschnitzten Frisuren und Bärte vergleichen und Ähnlichkeiten entdecken. Eine Eigenart aber haben die Lübecker Künstler gepflegt, so Kurator Rosenfeld. Für sie gehörten zur Heiligen Familie selbstverständlich auch lebhafter Nachwuchs - auch auf den Altären. "Die Kinder sitzen auf Steckenpferden, spielen mit Hunden, naschen Brei, sie necken sich, kraueln sich am Fuß - also eine Vielzahl von Szenen, die man in den Familien tagein, tagaus sieht", beschreibt der Kurator die Motive. Auf einem der lübischen Altäre sitzt ein pausbäckiges, nacktes Kleinkind, das versucht, sich einen Schuh anzuziehen - und genau so einen Schuh befindet sich in einer kleinen Glasvitrine vor dem Altar. Er ist aus Leder, hatte einmal zwei Riemchen und ist 500 Jahre alt. Archäologen haben ihn bei ihren jüngsten Grabungen im Lübecker Gründungsviertel gefunden. Und das ist tatsächlich ein anrührender Blick ins frühere Leben, eine gelungene Zeitreise.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.09.2015 | 17:40 Uhr