Stand: 14.03.2016 09:35 Uhr

Wolfskinder: Ausstellung zeigt Kriegs-Schicksale

von Meike Richter
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Mit dem Schicksal der sogenannten Wolfskinder beschäftigt sich eine neue Ausstellung im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg.

Für einen kurzen Moment scheint es, als säße Ewald Gustav Bork direkt im Museum. Doch der Mann mit der Zigarette in der Hand ist nur auf einem übergroßen Foto zu sehen. Auf einer Stellwand daneben erzählt ein Text von seinem Schicksal: Wie er als kleiner Junge in Ostpreußen in den Wirren der Flucht vor der Roten Armee seine Familie verloren hat. So wie Ewald Gustav Bork irrten am Ende des Zweiten Weltkrieges und während der ersten Jahre nach dem Krieg Tausende Kinder durch Ostpreußen - viele getrennt von den Geschwistern, alle getrennt von ihren Eltern. "Wolfskinder" nannte man sie. Woher der Begriff kommt? "Wahrscheinlich wurden die Kinder so genannt, weil sie nach den vielen Wochen und Monaten auf der Flucht, ungewaschen und ungekämmt, wie Wölfe aussahen", sagt Sonya Winterberg.

Mütter verhungern oder werden verschleppt

Die Journalistin hat in den vergangenen Jahren noch lebende Wolfskinder aufgesucht und hat ihre Geschichten dokumentiert. Erschütternde Geschichten. Geschichten von Kindern, die miterlebt haben, wie ihre Mütter an Hunger starben. Oder brutal vergewaltigt und verschleppt wurden. Auf sich allein gestellt versuchten die Kinder in der freien Natur des Baltikums zu überleben. Einige fanden Unterschlupf bei litauischen Bauernfamilien. Die Wolfskinder mussten ihre Identität verleugnen, ihren deutschen Namen ablegen, ihre gesamt deutsche Existenz verschweigen. Und sie mussten eine neue Sprache - Litauisch - lernen, denn die deutsche war verboten. Die meisten gingen nicht zur Schule, lernten nicht lesen, nicht schreiben, nicht rechnen. Viele Wolfskinder sind noch heute Analphabeten.

Fotos und Berichte für ein "Gedenken"

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Journalistin Winterberg (r.) und Fotografin Heinermann (l.) haben Wolfskinder in Litauen besucht, Zeitzeugin Quitsch berichtete in Lüneburg von ihren Erlebnissen.

Die Journalistin Sonya Winterberg hat 2009 das erste Mal von den Wolfskindern gehört und sich daraufhin auf Spurensuche gemacht. Zusammen mit der Fotografin Claudia Heinermann besuchte sie in Litauen noch lebende Wolfskinder. Die Fotos und Zeitzeugenberichte die dabei entstanden sind, sind noch bis zum 29. Mai in der Ausstellung "Wolfskinder. Verlassen zwischen Ostpreußen und Litauen" im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg zu sehen. "Wir möchten, dass das Schicksal der Wolfskinder in dieser Ausstellung gefestigt wird, damit es keiner vergisst", erzählt Fotografin Heinermann. Ziel sei auch, mithilfe der Schau ein "Gedenken" zu erschaffen. Auf Heinermanns Fotos sind Gesichter zu sehen, Hände und Blicke. Sie machen klar, dass diese Menschen Dinge erlebt haben, die kein Kind, kein Mensch erleben sollte.

Eine Ausstellung mit "bedrückender Aktualität"

Aber auch die gegenwärtige Situation der ehemaligen Wolfskinder zeigt und beschreibt die Ausstellung: Meist leben sie in kleinen, bescheidenen Verhältnissen. Einige haben ihre Geschwister wiedergefunden, andere wollten gar keinen Kontakt zu Angehörigen. Auch Luise Quitsch ist ein ehemaliges Wolfskind. Die elegante Frau wurde 1940 in Ostpreußen geboren, unterscheidet sich jedoch von vielen ihrer Leidensgenossen. Quitsch konnte zur Schule gehen, lesen und schreiben lernen. Bei der Eröffnung erzählte die 75-Jährige im Landesmuseum eindrucksvoll aus ihrem Leben, das in jungen Jahren geprägt war von der Flucht und von vielen schrecklichen Erlebnissen. Vieles davon lässt sich auch anhand der Ausstellung nachvollziehen, meint Museumsdirektor Joachim Mähnert: "Sie erzählt von Flucht und Vertreibung, von Gewalt,von dem Verlust der Identität und gleichzeitig von der Hoffnung auf ein neues Leben." Und sei angesichts der momentanten Situation vieler Flüchtlinge von "bedrückender Aktualität".

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Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren sie alles: Familie, Sprache, Identität. Eine Ausstellung im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg beschäftigt sich mit den sogenannten Wolfskindern.

Datum:
Ende:
Ort:
Ostpreußisches Landesmuseum Lüneburg
Heiligengeiststraße 38
21335  Lüneburg
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, jeweils von 12 bis 17 Uhr
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