Stand: 27.09.2017 11:07 Uhr

Grenzgänge zwischen Privatem und Öffentlichkeit

von Agnes Bührig

Wo hört das Private auf, wo fängt das Öffentliche an? Eine Frage, die Marc Camille Chaimowicz seit Anfang der 70er-Jahre beschäftigt. Der französisch-britische Künstler erforscht sie mit der Gestaltung von Räumen, mit Gemälden, Vasen und Raumobjekten, die sich zum Teil wie Skulpturen ausnehmen. Für die Kestnergesellschaft in Hannover gestaltet er jetzt einen Raum unter dem Titel "One to one" - eine Arbeit, die zusammen mit den Werken des Künstlerkollektivs Studio for Propositional Cinema gezeigt wird.

Marc Camille Chaimowicz in der Kestnergesellschaft

Grundriss der eigenen Wohnung

Marc Camille Chaimowicz, heller Hut, Hornbrille, zurückhaltendes Wesen, trifft letzte Absprachen mit seinem Kurator Milan Ther. Zusammen stehen sie in einer Wohnungslandschaft: zartrosa und mintgrüne Wände mitten im Raum, davor bunte Regalwürfel, ein Hut, beklebt mit Zeitungspapier an einer Hakenleiste an der Wand. "One to one" heißt die Installation.

Der Grundriss entspricht eins zu eins seiner neuen Wohnung in London, die zeitgleich eingerichtet wird, sagt Milan Ther: "Bei ihm ist es so, dass die Installation und diese raumübergreifende Art zu arbeiten, anfängt, sich auf seinen Privatraum zu beziehen. Das heißt aber nicht, dass er zum Beispiel wie Andy Warhol arbeitet, der sehr stark auch seinen eigenen Raum ausgeliefert hat. Was wir sehen, ist tatsächlich eine gestellte Version eines privaten Raumes."

Inspiriert von Jean Genet

Es geht Marc Camille Chaimowicz nicht um das Zurschaustellen seiner Privatsphäre. Facebook und Twitter sind ihm ein Graus, Interviews gibt der 70-Jährige möglichst gar nicht. Der Pionier der Installation öffnet sich dem Zuschauer vor allem durch sein Werk: funktionales Design, gepaart mit der Formsprache der Malerei Ende des 19. Jahrhunderts. Brüche der Moderne interessieren ihn, wie sie sich in Jean Genets Tragödie "Die Zofen" zeigen, auf die er sich in seiner zweiten Arbeit in der Kestnergesellschaft bezieht.

"Man sieht hier eine Umkleidekabine, den Raum, in dem Schauspielerinnen in Rollen schlüpfen können", sagt Milan Ther. "Gleichzeitig ist es ein Theaterstück, das mal von Jean-Paul Sartre beschrieben wurde als ein Rollenspiel mit dem Geschlecht, auch, dass eigentlich die Zofen Rollen waren, die für Männer geschrieben waren."

Ein Überwachungsbild per Knopfdruck

Im zweiten Teil der Ausstellung mit dem Titel "In Relation to a Spectator" steht der Besucher im Vordergrund. Das Künstlerkollektiv Studio for Propositional Cinema hat hierzu 31 Künstler und Künstlergruppen eingeladen, mit ihren Werken den Betrachter zu spiegeln. Julia Scher nimmt das wörtlich: Die US-amerikanische Künstlerin zeichnet mit vier Überwachungskameras das Publikum auf - und strahlt es auf fünf altmodischen Kastenbildschirmen gleich wieder aus - auf Knopfdruck gibt es ein Überwachungsbild.

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Marc Camille Chaimowicz erforscht bereits seit den 70er-Jahren künstlerisch den Raum zwischen Kunst, Leben und Dekoration.

"In Relation to a Spectator" ist die Weiterentwicklung der Arbeit für die Ausstellung "Made in Germany drei - Produktion", diesmal mit dem Fokus auf die Produktion von Kunst durch den Betrachter. Der US-amerikanische Konzeptkünstler Lawrence Weiner und seine Wandtexte sind dabei eine wichtige Inspirationsquelle für das Künstlerkollektiv, sagt die Kuratorin von "In Relation to a Spectator", Elmas Senol: "Wir sehen nicht mehr ein quadratisches, monochromes Gemälde an der Wand, sondern einen Schriftzug, der beim Betrachter durch das Lesen ein Bild evozieren soll im Kopf. Das heißt, hier gehen wir mit einem linguistischen System vor und daraus entsteht ein Bild oder entsteht das Kunstwerk im Geiste des Betrachters."

Wie entsteht Kunst durch die Wahrnehmung des Betrachters und wie begegnen sich privater und öffentlicher Raum in der Kunst? - Darüber lässt sich in dieser Ausstellung vortrefflich nachdenken. Sei es durch die Interieurs von Marc Camille Chaimowicz, die eher an die Arbeit von Innenarchitekten oder Bühnenbildnern erinnern, oder durch die installativen Arbeiten, die das Studio for Propositional Cinema ausgewählt hat.

Grenzgänge zwischen Privatem und Öffentlichkeit

Wo beginnt das Öffentliche? Wo endet das Private? Der Künstler Marc Camille Chaimowicz setzt sich seit Jahrzehnten mit dieser Grenze auseinander. In Hannover wird seine eigene Wohnung zu Kunst.

Datum:
Ende:
Ort:
Kestnergesellschaft
Goseriede 11
30159   Hannnover
Telefon:
(0511) 7 01 20 0
Preis:
7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Mitglieder kostenlos
Öffnungszeiten:
Täglich und an Feiertagen 11 - 18 Uhr, Donnerstag 11 - 20 Uhr, montags geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturnachrichten | 27.09.2017 | 12:00 Uhr

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