Stand: 25.02.2016 20:35 Uhr

Künstler Erich Klahn: NS-nah oder politikfern?

von Wolf-Hendrik Müllenberg

Das Oberlandesgericht in Celle hat sich am Donnerstag erneut mit dem Künstler Erich Klahn beschäftigt. Die Klosterkammer Hannover streitet mit Klahns Erben: Vor zwei Jahren hatte sie den Vertrag mit ihnen gekündigt - weil Klahn den Nationalsozialisten nahegestanden habe. Das Oberlandesgericht ist der Auffassung, dass dies als Kündigungsgrund nicht ausreicht. Am 10. März soll ein Urteil fallen.

Einschätzungen gehen weit auseinander

Wer also war Erich Klahn? Der Künstler, der sich mit seinen völkisch-nationalen Ansichten gut mit dem Nazi-Regime arrangierte oder der Künstler mit dem Faible fürs Niederdeutsche, der einen Bogen um die Politik machte? Die Einschätzungen könnten kaum kontroverser diskutiert werden. Vor einem Jahr hatte die Wanderausstellung "Ulenspiegel" im Lübecker Museum Behnhaus eine heftige Diskussion über den in Oldenburg geborenen und 1978 in Celle verstorbenen Künstler ausgelöst. Der Vorwurf: Seine NS-Nähe werde in der Ausstellung verschwiegen. Demgegenüber steht die Haltung der Ausstellungsmacher: Wie kann man etwas verschweigen, von dem man meint, dass es gar nicht vorhanden ist? Nun ist die Ausstellung nach Celle gewandert. Ab Sonnabend zeigt das Bomann-Museum die Schau erneut und verzichtet ebenfalls darauf, die Diskussion um den Künstler zu thematisieren.

Eulenspiegel als flämischer Freiheitskämpfer

Neben der künstlerischen Auseinandersetzung gibt es noch die historische: Klahn illustrierte ab 1935 den Roman "Ulenspiegel" des belgischen Schriftstellers Charles de Coster, der die Figur des Till Eulenspiegel in die Niederlande des 16. Jahrhunderts versetzt - in die Zeit des Freiheitskampfes der Flamen gegen die spanische Unterdrückung. Aus dem harmlosen Narr, der Schabernack betrieb, wurde der kämpfende Flame, ein nordischer Mensch mit Feinden aus dem Süden - ein perfektes Thema, mit dem sich völkische Ideologie verbreiten ließ. So erschienen die Aquarelle in den "Nationalsozialistischen Monatsheften". Es wurde gelobt, dass Klahn den "Ulenspiegel" zugleich als Niederdeutschen und Flamen präsentiere.

Kuratorin: Politische Diskussion wurde bereits behandelt

Doch  diese Rezeption des "Ulenspiegel"-Zyklus soll in der Ausstellung nicht behandelt werden. "Der Fokus liegt ganz eindeutig auf der künstlerischen Arbeit Klahns", sagt Otten. Sie verweist auf eine frühere Ausstellung, die Klahns Werk in aller Ausführlichkeit  in einen politischen Kontext gestellt habe. Jetzt geht es also ausschließlich um die Kunst. Wenn Otten über Erich Klahn und seine Illustrationen spricht, gerät sie zunächst einmal ins Schwärmen: Wie geschickt der Künstler Farbe benutzt habe, um für dramatische Momente zu sorgen. Wie einzigartig die 1.312 Illustrationen seien, die die Geschichte des "Ulenspiegel" wie in einem Film in Bildfolgen erzählt.

Gutachter: Klahns Kunst ist immer auch politisch

"Die politische Person Klahn kann man nicht von der künstlerischen Person trennen", kritisiert Kunsthistoriker Herbert Pötter. Er hat eines von drei Gutachten erstellt, die alle zu dem gleichen Ergebnis kommen: Klahn war von einer völkisch-niederdeutschen, nationalsozialistisch geprägten Gesellschaft überzeugt. "Klahns ab 1933 entstandene Werke fügten sich gut in den Wertekanon der NS-Ideologie ein, er ließ sich bewusst von der NS-Kulturpolitik instrumentalisieren", schreibt Pötter in seinem Gutachten. Erich Klahn sei, so Pötter, aktiv in der niederdeutschen Bewegung gewesen. Seine Rolle als Künstler und auch die Ausstellung in Celle müsse man vor diesem Hintergrund betrachten. Für sein Gutachten hat Pötter viel Zeit in Archiven verbracht. Ein halbes Jahr hat er im Auftrag der Hannoverschen Landeskirche recherchiert. "Ergebnisoffen", wie er sagt. "Hätte ich etwas anderes rausgefunden, hätte ich es auch publiziert."

Weitere Informationen

Kirchenkünstler steht unter Nazi-Verdacht

Ein abgerundetes Hakenkreuz, Runen und ein Christus, der einem NSDAP-Gründungsmitglied ähnlich sieht: Die Landeskirche Hannover hat ein Gutachten zu den Werken von Erich Klahn vorgestellt. (09.02.2016) mehr

Klahn soll NSDAP-Mitgliedschaft verschwiegen haben

Klahn habe 1943 den Lübecker Geibel-Preis erhalten, der als offizielle Ehrung des NS-Regimes galt. Später bezeichnete er den Geibel-Preis als "unpolitisch". Ab 1943 war er Mitglied der Reichskammer für bildende Künste. Im Entnazifizierungsverfahren verschwieg er seine frühe Mitgliedschaft in der NSDAP, der er laut Gutachten am 14. Februar 1921 in der Ortsgruppe München mit der Mitgliedsnummer 2839 beitrat. Pötter erklärt weiter, dass Klahn bis 1945 religiöse und politische Motive vermischte. Besonders offenkundig sei diese Vermischung auf dem Karfreitags-Altar des Klosters Mariensee bei Hannover. Darauf befinden sich Runen und ein gerundetes Hakenkreuz, die als Scharniere getarnt seien. Derzeit ist der Altar nicht öffentlich zugänglich.

Otten: Gutachter haben Gegenargumente ignoriert

Kuratorin Otten widerspricht dem Gutachter. "Bei allem berechtigten Argwohn gegen Klahn ist es falsch, immer nur die Punkte rauszusuchen, die für eine Nähe zum Nationalsozialismus sprechen - während man Argumente dagegen verschweigt." In einem Katalog zu ihrer früheren Klahn-Ausstellung gebe es beispielsweise einen ausführlichen Artikel, der Klahns Kunst mit ideologisch intendierter Kunst vergleiche. Das Ergebnis laut Otten: Klahn hat keine Nazi-Kunst gemacht. 

Zudem kritisiert sie die Vorgehensweise der Gutachter: Viele Briefe, in denen sich Klahn eindeutig von der NS-Ideologie distanziert, hätten die Historiker ignoriert. Henning Repetzky, der bereits 2001 eine Biografie über Erich Klahn vorlegte, kennt diese Briefe. "Allerdings hat Klahn sie nach 1945 an seine Frau geschrieben." Für eine Beurteilung von Klahns Einstellung zur NS-Ideologie hätten die Briefe daher keine Rolle mehr gespielt. "Nach Kriegsende wurde viel behauptet, um in einem besseren Licht zu stehen", sagt Historiker Repetzky.

Juden-Darstellungen antisemitisch oder nicht?

In einem besseren Licht - so wollen manche Menschen in Celle, wo Klahn lange lebte und arbeitete, "ihren" Klahn auch erscheinen lassen, meint Repetzkys Kollege Pötter. "Sie halten ihre schützenden Hände über ihn." Dabei gehe es doch gar nicht darum, Klahn die künstlerischen Fähigkeiten abzusprechen und ihn insgesamt zu verdammen. Vielmehr müssten auch unbedarfte Besucher der "Ulenspiegel"-Ausstellung Hinweise auf Klahns politische Ansichten erhalten. Und zwar auch jene, die möglicherweise nicht den begleitenden Katalog zur Hand nehmen - wo im Übrigen laut Pötter ohnehin viele kritische Aspekte von Klahns Biografie unerwähnt bleiben. Zudem kritisiert der Historiker: Die Ausstellung verschweige, dass bei den "Ulenspiegel"-Illustrationen antisemitische Darstellungen vorkommen. In einer Bildfolge der Episode "Prophetenbeeren" würden, so Pötter in seinem Gutachten, Juden mit "fratzenhaften Gesichtern durch lange Bärte und Haare sowie große Nasen und Münde gekennzeichnet". Antisemitische Stereotype, die von der NS-Propaganda aufgegriffen und in den Nationalsozialistischen Monatsheften amüsiert kommentiert worden seien.

In der Ausstellung in Celle werden diese Illustrationen nicht präsentiert - jedoch nicht, "weil wir uns nicht trauen, sondern weil sie künstlerisch nichts Neues bringen", betont Kuratorin Otten. Ihrer Auffassung nach sind die Darstellungen aber auch nicht antisemitisch. Im "Ulenspiegel" seien alle Figuren sowieso überzeichnet. "Wenn Klahn die Juden anders dargestellt hätte, hätte man sie als solche nicht erkannt." Zudem hätte Klahn diese Darstellungsweise auch nicht erfunden. "Sie ist nicht freundlich, aber auch nicht antisemitisch", sagt sie. 

Kuratorin: Zu wenig Platz, um alle Aspekte abzudecken

Kunst statt Politik - das scheint Ottens Motto für die Ausstellung zu sein. Sie begründet das auch mit dem mangelnden Platz, den sie für die Ausstellung zur Verfügung hat. Für eine Ausstellung, die sich sowohl Klahns künstlerischer Herangehensweise als auch seiner politischen Gesinnung angemessen widmet, fehlten schlicht die Räume. "Da stecke ich in einem Dilemma", sagt sie. Ein Versuch, dieses Problem zu lösen, soll der Saaltext sein, der Besuchern im Auftaktraum der Ausstellung präsentiert wird. Er soll die Frage beantworten, wer Klahn eigentlich war. Doch eine hinreichende Antwort wird nicht geliefert: Es fehlen jegliche Hinweise auf den aktuellen Diskurs und die drei Gutachten, die eine NS-Nähe des Künstlers Klahn belegen. Vielleicht wird die Frage ja am 13. März im Bomann-Museum beantwortet: Dann wird unter anderem mit dem früheren Bundesverfassungsrichter Ernst Gottfried Mahrenholz über den "Ulenspiegel" und seine Rezeption während der NS-Zeit diskutiert.