Stand: 04.02.2016 17:22 Uhr

Kestnergesellschaft zeigt Madison-Ausstellung

von Agnes Bührig

Es ist eine apokalyptische Szene, die der Film zeigt: Kinder bevölkern einen leeren weißen Raum, durch den ungemütlich Herbstblätter wehen. Drei von ihnen schleifen eine menschengroße Puppe hinter sich her, sie selbst sind ausgestattet mit Umhängen, Helmen und Sturmgewehren. Die Szene stammt aus dem Video von Tobias Madison, den er mit der Theaterpädagogin Marin Eze und Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren erarbeitet hat. Angeregt hatte ihn der japanische Experimentalfilm "Emperor Tomato Ketchup" aus den 70er-Jahren. Darin wird die Geschichte von Kindern erzählt, die die Revolution proben, sagt Tobias Madison in den Räumen der Kestnergesellschaft, wo gerade seine Ausstellung aufgebaut wird.

Kunst in Koproduktion

Gefangen in der Freiheit

Ihm sei wichtig gewesen, dass nicht einfach eine vorgegebene Rolle gespielt wird, sagt der Künstler. Vielmehr seien die Rollen in dem Film gleichzeitig die Persönlichkeiten dieser Kinder. Madison geht es um Ideologien. Um Ideologien, die heute die Erziehung von Kindern prägen. Im Film dürfen sie diese hinterfragen. In einer der Szenen sitzt die Leiterin eines Kindergartens mit weiß geschminktem Gesicht hinter einem Maschendraht. Einem Jungen muss sie Rede und Antwort stehen. "Warum meinst du, dass Kinder einen Kindergarten brauchen?", fragt der Junge. Die Erzieherin antwortet: "Weil Kinder sich untereinander brauchen. Kinder brauchen es, miteinander zu spielen und in der Gruppe zu lernen." Worauf der Junge erwidert, dass Kinder sich doch auch so treffen und machen könnten, was sie wollen. "Ja, wenn die Lebensbedingungen so wären, könnten sie sich auch auf der Straße treffen", sagt schließlich die Erzieherin.

Kunst als institutionelle Kritik

Unterdessen fährt in einem Raum der Kestnergesllschaft eine Hebebühne hoch. Der Film ist im oberen Geschoss auf einer riesigen Leinwand zu sehen, am Boden werde es später Teppiche oder Sand geben, sagt Madison. Die Ausstellung entwickelt der Schweizer gemeinsam mit dem Bühnenbildner Mathias Renner, der die Innenarchitektur analog zum Filmsetting entwickelt hat. Und so erinnern einige der Räume an ein Filmset. Die riesige Vorderfront einer Geisterbahn etwa wird da aufgebaut. Doch auch ihre Rückseite ist deutlich ausgestellt. Ein Konventionsbruch - und ein wichtiges Thema bei Tobias Madison, der als Vertreter der Kunstrichtung der Institutionellen Kritik gilt.

Ausstellung wird intuitiv wirken

Was ein Kunstmuseum zu zeigen hat und wie, das stellt er mit seiner Kunst infrage. Es gehe um Konventionen und darum, sie infrage zu stellen, im Kunstbetrieb wie bei der Erziehung von Kindern gleichermaßen, sagt die Direktorin der Kestnergesellschaft, Christina Végh, die die Ausstellung kuratiert hat. "Jeder einzelne unterliegt irgendwelchen Konventionen. Und diese zu hinterfragen und da einen Spalt weit zu öffnen, darum geht es in jeder Arbeit bei ihm." Der Eingangsbereich der Kestnergesellschaft ist umgebaut, die Bilder für den Flyer, mit dem das Museum für die Schau wirbt, hat Madison als Produktwerbung im Fotostudio in Auftrag gegeben, und statt des riesigen Banners, das sonst an der Front des Museums für eine Ausstellung wirbt, wird es unscheinbarere Einzelplakate geben. Der theoretische Hintergrund, die Institutionelle Kritik in der Kunst, ist bei dieser Ausstellung komplex. Vermitteln wird sich Tobias Madisons Kunst vermutlich eher über das Gefühl. Denn als Besucher merkt man, dass diesmal irgendwas anders ist in der Kestnergesellschaft. Es ist eine Ausstellung, die ganz stark über die intuitiven Kräfte funktionieren wird - wenn sie denn ihr Endstadium erreicht hat.

Kestnergesellschaft zeigt Madison-Ausstellung

Wie ist das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen? Ein Thema für die Ausstellung "Das Blut, im Fruchtfleisch gerinnend beim Birnenbiss" von Tobias Madison in der Kestnergesellschaft.

Datum:
Ende:
Ort:
Kestnergesellschaft
Goseriede 11
30159   Hannnover
Telefon:
(0511) 7 01 20 - 0
Preis:
Sieben Euro, ermäßigt fünf Euro, Mitglieder kostenlos
Öffnungszeiten:
Täglich und an Feiertagen 11-18 Uhr, Donnerstag 11-20 Uhr, montags geschlossen
Hinweis:
Kostenlose Führungen: mittwoch 13 Uhr, donnerstags 19 Uhr, samstags 15 Uhr, sonntags und an allen Feiertagen 11 und 15 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 03.02.2016 | 19:00 Uhr