Stand: 11.01.2016 07:42 Uhr

"Karikatur und Terror" im Busch-Museum

von Alexander Nortrup

Ist das Verständnis von Bildern und Religionskritik im Islam so grundlegend anders als in anderen Religionen? Wird es deshalb immer wieder zu Konflikten kommen? Diese und ähnliche Fragen werden heute renommierte Islam-, Frankreich- und Kunstexperten im Schloss Herrenhausen in Hannover diskutieren. Rund ein Jahr nach dem tödlichen Anschlag auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" in Paris laden das Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover, besser bekannt als Wilhelm-Busch-Museum, und die Volkswagen-Stiftung zu einer Podiumsdiskussion ein. Mit dabei sind unter anderem der Politologe Asiem El Difraoui und die Migrationsforscherin Naika Foroutan. Es soll darum gehen, ob sich in der Bewertung und im Verständnis von Karikaturen seit dem 7. Januar 2015 etwas geändert hat, wie Diskussionsteilnehmerin und Museums-Leiterin Gisela Vetter-Liebenow erklärt.

Zeichnungen zwischen Politik und Religion

Zeichnungen - die Motivation für Bluttat?

An jenem Tag vor gut einem Jahr stürmten mehrere Vermummte die Redaktionsräume des Satire-Magazins "Charlie Hebdo" und töteten zwölf Mitarbeiter, darunter fünf Zeichner und den Herausgeber des Magazins. Zu den Morden bekannte sich kurz darauf die Terrororganisation Al-Kaida. Die immer wieder auch islamkritischen Zeichnungen des Blattes waren offenbar die Motivation der Islamisten für die Bluttat. Denn schon die bloße Abbildung des Propheten Mohammed ist in weiten Teilen der muslimischen Welt ein Tabu. "Charlie Hebdo" war immer wieder Zielscheibe islamistischer Terroristen, der ermordete Herausgeber Charb befand sich ganz oben auf der schwarzen Liste von Al-Kaida. Dabei widmeten sich von 2005 bis 2015 nur 38 von mehr als 530 Titelbildern religiösen Themen, und lediglich sieben davon explizit dem Islam.

Museum zeigt französische Künstler

Das Wilhelm-Busch-Museum zeigt vom 9. Juli bis 6. November 2016 die Ausstellung "Lachen auf Französisch - Karikaturen von Honoré Daumier bis Charlie Hebdo". Sie soll die gesamte Bandbreite dessen darstellen, was französische Karikatur und Satire ausmacht. Bereits seit Sommer 2015 hatte das Museum gemeinsam mit drei Karikaturmuseen aus Deutschland und der Schweiz unter www.museen-fuer-satire.com eine Online-Ausstellung zu "Charlie Hebdo" gestartet.

Bei kritischen Karikaturen genau hinsehen

Gehen manche kritische Karikaturisten nun tatsächlich zu weit und verletzen bewusst die religiösen Gefühle vieler Muslime? Museums-Leiterin Vetter-Liebenow rät dabei zum genauen Hinsehen: "Wie bei allen Dingen muss man das von Blatt zu Blatt entscheiden: Hat die Karikatur ein Ziel? Legt sie gar den Finger in eine gesellschaftliche Wunde? Oder soll nur jemand als Person angegriffen werden?" Sobald eine Karikatur etwa kritisiere, dass Menschen im Namen des Islam Bomben hochgehen lassen, sei das eine absolut zulässige Kritik, sagt Vetter-Liebenow. Das gelte auch für die bekannte Mohammed-Karikatur von 2005, bei der eine Bombe im Turban des Propheten versteckt ist.

Zwischen Gott und seinem Bild unterscheiden

"Natürlich ist die Bombe im Turban ein großer Spott", bestätigt Michael Diers, Professor für Kunstgeschichte an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und an der Berliner Humboldt-Universität. Sie sei aber, streng künstlerisch betrachtet, auch eine gute Zusammenfassung: "Schließlich gibt es tatsächlich eine islamistische Bande, die sich auf Mohammed beruft, und die Terror auf der Welt verbreitet. Damit ist für mich aber nicht der Gott des Islam angefochten, sondern die Islamisten." Gott sei eben nicht gleichzusetzen mit seinem künstlerischen Abbild, auch wenn dies behauptet werde. Diese Unterscheidung sei eine wichtige Lehre aus dem Attentat und müsse unbedingt vermittelt werden.

"Erschüttert über diese Tat"

Forscher Diers traf der Anschlag vom Januar 2015 ins Mark: "Ich war und bin tief erschüttert über diese Tat", sagt der Experte für die Macht der Bilder, der auch an der Diskussion teilnehmen wird. "Ich hätte nicht geglaubt, dass so etwas in unserer Welt passieren könnte. Dass wir in unseren Grundfesten so unter Druck geraten könnten, und dass Künstler für ihre Werke ihr Leben lassen müssen."

Karikaturen werden wieder mehr geschätzt

Die Islamisten verwechselten mit voller Absicht die Bilder mit der Sache, sagt Diers. "Und sie tun das, weil sie wissen, wie wichtig uns Bilder sind. Sie fassen uns gewissermaßen an den Hammelbeinen unserer visuellen Kultur." Die Täter wählten die Karikaturen nur, um sich das Recht auf ihren Terror zu nehmen. So würden letztlich Gott und Religion von ihnen instrumentalisiert. Dass umgekehrt die Propaganda des Islamischen Staates (IS) überwiegend aus Bewegtbildern im Internet bestehe, sei dabei eine bitterböse Antwort. Für Diers hat sich seit dem Anschlag immerhin die Wahrnehmung von Karikaturen verändert: "Wir trauen ihnen nun wieder mehr Kraft und Kompetenz zu. Das ist eine sehr positive Entwicklung."

"Karikatur und Terror" im Busch-Museum

Ein Jahr nach dem Anschlag auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" in Paris diskutierten Karikatur- und Islamexperten in Hannover. Es geht um die Macht der Bilder.

Art:
Diskussion
Datum:
Ort:
Wilhelm Busch - Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst
Georgengarten
30167  Hannover
Telefon:
(05 11) 16 99 99 11
Preis:
Eintritt frei
Kartenverkauf:
Die Veranstaltung findet ohne Anmeldeverfahren statt. Es besteht keine Möglichkeit, Plätze zu reservieren.
Besonderheit:
Einlass ist 18.30 Uhr.
In meinen Kalender eintragen