Stand: 27.11.2017 15:58 Uhr

"Honeyguides": Poesie von Mensch und Natur

von Agnieszka Zagozdzon

Am Dienstagabend wird im Sprengel Museum Hannover die Ausstellung "Honeyguides" eröffnet. Gezeigt werden Arbeiten des Fotografen und Biologen Jochen Lempert. Thema: Wie die unterschiedlichen Lebensformen in der heutigen Zeit miteinander und nebeneinander existieren.

Eine Lachmöwe sitzt auf dem Dach eines Fast-Food-Restaurants. Das Wort "Grill" ist gerade noch über ihrem Kopf erkennbar. Darunter, auf der Markise, prangt der Name eines bekannten amerikanischen Softdrinks. Im Bild daneben scheint die Möwe den Betrachter direkt anzusehen, dreht dann aber - ein Bild weiter - den Kopf wieder nach vorne und scheint ins Leere zu blicken. "Es ist ein Beobachten in der Natur. Die Art der fotografischen Umsetzung spiegelt immer den Grad der Wahrnehmung wider", erklärt Kuratorin Inka Schube.

Bilder aus "Honeyguides" in Hannover

Schube stand bis vor wenigen Tagen noch vor der Herausforderung, aus dem umfangreichen Schaffen von Jochen Lempert - in Zusammenarbeit mit dem Künstler - eine Auswahl für die Ausstellung im Sprengel Museum zu treffen. "Es ist ein langwieriger Prozess, in dem es immer darum geht, zu schauen, was die Bilder miteinander erzählen und wie sich ein Bild ins nächste dreht", sagt die Kuratorin.

Wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Natur

In seinen Arbeiten nähert sich der 59-jährige Jochen Lempert, der seit Langem in Hamburg lebt und arbeitet, der wechselseitigen Beziehung zwischen Mensch und Natur auf verschiedene Weise: Mal ist es ein günstig festgehaltener Moment - ein Schwarm aus vier Vögeln, die in einer Formation fliegen -, mal sind es Kompositionen - ein Eichhörnchen, das geradezu hypnotisiert auf das danebenhängende Foto von einer Tollkirsche starrt. Mal sind die Bilder winzig - ein Marienkäfer in Lebensgröße - und mal überdimensional.

Enorme Größenunterschiede

"Die Größenunterschiede sind enorm", so Schube. "Es gibt zum Beispiel diese Riesenblätter, von denen vier in einer Reihe hängen, bei denen man gar nicht weiß, was es ist. Es sind Grashalme und Blätter, die auf den Bildträger gelegt sind. Hier sieht man einfach nur die Kante eines Grashalmes, aber in dieser Größe ist es ein sehr abstraktes Blatt. Man sieht dunkel und hell - und an der Kante sind kleine Härchen, die am Stiel sitzen. Aber daran hängen noch kleine Krümel. Und man fragt sich: Sind das Tiere oder Staub? Es gibt ganz viele solcher Dinge zu entdecken."

"Lempert ist ein Künstler-Wissenschaftler"

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Lempert hat mit Fotografien dieser Art bereits in den frühen 90er-Jahren angefangen.

Jochen Lemperts Studium der Biologie gibt seinen Arbeiten ihre charakteristische Note, so Kuratorin Schube. "Ich glaube, er ist ein Künstler-Wissenschaftler - so würde ich ihn am ehesten bezeichnen. Das ist etwas, das zwischen Forschung und Kunst angesiedelt ist: Forschung, Kunst, Fotografie. Es ist auch eine Forschung am Material Fotografie selber: Was kann man damit machen? Wie weit kann man gehen, um etwas verschwinden zu lassen und trotzdem sichtbar zu halten?"

Das zeigt sich auch an der Wahl von Lemperts Materialien. "Was auffällt ist, dass alle Abzüge auf Barytpapier entstanden sind - auf diesem einerseits sehr robust, andererseits sehr fragil erscheinenden Fotopapier", erklärt Schube. "Dadurch liegen die Bilder ganz flach an der Wand und sind miteinander verbunden. Ein Rahmen würde die Bilder trennen."

Ausstellungsbesucher folgen einem Rhythmus

Was ebenfalls fehlt, sind die Titel und Unterschriften der Arbeiten. Zwar bekommen die Besucher selbstverständlich Informationsmaterialien zu den einzelnen Räumen und Werken, aber: "In einer solch poetischen Welt wie der von Jochen Lempert, ist es natürlich absolut störend, wenn neben jedem Bild ein Titel hängt", sagt Schube. "Man geht durch die Ausstellung und folgt einem Rhythmus: groß, klein, man tritt zurück, geht wieder nah ran, um etwas zu erkennen."

Werke aus einem Vierteljahrhundert

Gerade in der heutigen Zeit, in der das Thema Natur- und Klimaschutz längst alle Gesellschaftsschichten erreicht hat, ist eine Ausstellung wie die von Jochen Lempert sowohl ganz aktuell als auch zeitlos. "Er hat mit diesen Sachen in den frühen 90er-Jahren angefangen und lange daran gearbeitet - sonst wäre sein Bildreservoir auch gar nicht so groß, aus dem sich diese Ausstellung entwickelt. Sie zeigt uns natürlich auch unsere Rolle", meint Kuratorin Schube. "Inzwischen gibt es viele Ausstellungen zu Tieren - das ist auch richtig und wichtig - aber diese hier hat eine ganz eigene poetische Art und Weise."

"Honeyguides": Poesie von Mensch und Natur

Der Hamburger Künstler und Biologe Jochen Lempert zeigt mit seinen Fotografien, wie sich Mensch und Natur gegenseitig beeinflussen. Das Sprengel Museum Hannover stellt seine Werke aus.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz
30169  Hannover
Telefon:
(0511) 168 4 38 75
Öffnungszeiten:
Montag geschlossen
Dienstag: 10 - 20 Uhr
Mittwoch bis Sonntag: 10 - 18 Uhr
Heiligabend, 1. Weihnachtstag und Silvester geschlossen
2. Weihnachtstag 10 - 18 Uhr
Neujahr 13 - 18 Uhr (freier Eintritt)
Besonderheit:
9. Januar 2018, 18.30 Uhr, Jochen Lempert im Gespräch mit Inka Schube
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.11.2017 | 19:00 Uhr

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