Stand: 10.08.2017 10:57 Uhr

Ein Büchner-Preisträger als Fotograf

von Janek Wiechers

1972 flanierte der Autor Jürgen Becker durch die Straßen New Yorks entlang des Broadways. Immer griffbereit: die kleine Kamera in seiner Hemdtasche. Nie wurden diese Fotos des Alltags gezeigt, bis sein Sohn, der Fotograf Boris Becker, sie auf dem Dachboden entdeckte. Zum 85. Geburtstag des Büchner-Preisträgers Jürgen Becker zeigt das Museum für Photographie Braunschweig die Fotoserie "New York 1972" zum ersten Mal.

Tägliche Gänge durch die Stadt

Passanten vor mächtiger Wolkenkratzerkulisse, Ladenbesitzer am Straßenrand, alte Herrschaften mit dicken Pelzkragen, aufgebläht wirkende Straßenkreuzer. Es gibt kleine Serien von Menschen auf Parkbänken oder von Pendlern an einer U-Bahnstation. Aufgenommen hat Jürgen Becker die Fotos 1972 nach einer mehrwöchigen Lesereise durch Nordamerika. Mit dem Blick eines Flaneurs wanderte Becker drei Tage lang den Broadway auf und ab. Mit einer kleinen 35-Millimeter-Kamera - übrigens von der renommierten Braunschweiger Firma Rollei - fing Becker ein, was ihm auffiel.

Der schriftstellerische Blick auf New York

Jürgen Becker © Horst Galuschka/dpa Fotograf: Horst Galuschka

Jürgen Becker im Gespräch

NDR Kultur -

NDR Kultur-Redakteur Joachim Dicks befragt den Georg-Büchner-Preisträger 2014, Jürgen Becker.

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Die Fotos offenbarten dabei einen sehr schriftstellerischen Blick, sagt die Direktorin des Museums für Photographie Braunschweig Barbara Hofmann-Johnson: "Ich finde, die Erzähldichte der Motive ist wunderbar. Es ist für mich ein künstlerisches Sehen, das von Komposition gelenkt ist - der Blick des erzählerisch Orientierten und natürlich mit der Sprache versierten Schauens."

Fotos auf dem Dachboden wiederentdeckt

Im Jahr zuvor, 1971, hatte der stets an anderen Kunstdisziplinen interessierte Autor bereits den kleinen durch Fotografien erweiterten minimalistischen Gedichtband "Eine Zeit ohne Wörter" herausgebracht. Auch sein New-York-Projekt wollte Becker veröffentlichen - seine Herausgeber aber zeigten damals kein Interesse.

So verschwand Beckers mit feinem Blick fürs Detail gekennzeichnete Straßendokumentation für Jahrzehnte auf dem Dachboden. Es war sein Sohn, der bekannte Fotograf Boris Becker, der die Sammlung vor einigen Jahren entdeckte und als Fotoband herausbrachte. Erstmals zeigt nun das Braunschweiger Museum für Photographie die Fotoarbeiten seines Vaters in einer umfänglichen Schau.

Jürgen Becker - Vita

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung würdigt den Lyriker, Hörspiel- und Prosa-Autor Jürgen Becker 2014 als "maßgebliche Stimme der zeitgenössischen Poesie". Sein Werk habe die deutschsprachige Dichtung über Generationen entscheidend geprägt, so die Begründung der Jury die Vergabe des Georg-Büchner-Preises an den Autor.

Mitte der 60er-Jahre löste Becker eine temperamentvolle Feuilletondebatte mit seiner Polemik "Gegen die Erhaltung des literarischen Status quo" aus, in der er die traditionellen Erzählformen verwarf und bekannte, auch selbst nichts zu erzählen zu haben. Aus dieser vermeintlichen Sprachlosigkeit entstanden funkelnde Prosa-Miniaturen, Stimmungsbilder, atmosphärische Beschreibungen, klangvolle Gedichte.

Becker wurde 1932 in Köln geboren. Einige Jahre lebte er in Thüringen, dann zog er nach Köln zurück und begann 1954 ein Germanistik-Studium. Von 1960 an war Becker Teilnehmer der Gruppe 47. Nach freier Mitarbeit beim WDR, Lektorentätigkeit bei Rowohlt und Suhrkamp, leitete er 20 Jahre lang die Hörspielredaktion des Deutschlandfunks in Köln, veröffentlicht aber auch immer eigene Texte, wie den Gedichtband "Schnee in den Ardennen" (2009), Essays wie "Was wir noch wissen" (2014) oder Romane wie "Graugänse über Toronto" (2017).

Ein Büchner-Preisträger als Fotograf

Zum 85. Geburtstag des Büchner-Preisträgers Jürgen Becker zeigt das Museum für Photographie in Braunschweig die Fotoserie "New York 1972". Sie entstand während einer Lesereise.

Datum:
Ende:
Ort:
Museum für Photographie Braunschweig
Helmstedter Straße 1
38102  Braunschweig
Telefon:
(0531) 7 50 00
E-Mail:
info@photomuseum.de
Preis:
3,50 Euro / ermäßigt: 2,00 Euro/ am 1. Donnerstag im Monat freier Eintritt!
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 13 - 18 Uhr,
Sonnabend bis Sonntag: 11 - 18 Uhr
Besonderheit:
Eröffnung: Donnerstag, 10.08.2017, 19 Uhr
Hinweis:
Kostenlose öffentliche Führungen: sonntags 16 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 10.08.2017 | 08:00 Uhr

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