Stand: 02.10.2015 17:00 Uhr

Druckerzeugnisse aus jüdischen DP-Camps

von Michael Hollenbach

Seit 2004 erforscht die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover Druckerzeugnisse von Holocaust-Überlebenden. Nun zeigt die Villa Seligmann erstmals in einer Ausstellung Bücher aus der inzwischen wohl weltweit größten Sammlung dieser Art.

Spiegel des kulturellen Lebens in den DP-Camps

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Zeichnungen, religiöse Schriften, Augenzeugenberichte und Schulbücher - die Bandbreite der Exponate ist groß und beeindruckend.  In vier Räumen wird vor allem das kulturelle Leben in den Camps für Displaced Persons (DP-Camps) dokumentiert. So erfährt man anhand eines Leihstempels in einem Buch, dass die ehemalige SS-Kaserne München zum Auffanglager für Überlebende des Holocaust  wurde. Allein in der Kaserne Bergen Belsen, nur zwei Kilometer vom ehemaligen KZ entfernt, lebten bis zu 12.000 dieser Displaced Persons. Für die jüdischen DPs  wurde das religiöse Leben schnell zum Identifikationspunkt, erläutert Heiko Jacobs, Geschäftsführer der Villa Seligmann: "Es hat nur wenige Tage gedauert, dann ist der erste Gottesdienst in Bergen Belsen gewesen."

Bandbreite jüdischen Lebens wieder ermöglichen

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Die Villa Seligmann in Hannover ist Sitz des Europäischen Zentrums für jüdische Musik.

"Dann sehen wir hier den Höhepunkt: Der Talmud - in 19 Bänden - und mit einem sehr schönen Titelbild, wo unten ein Bild aus den Konzentrationslagern zu sehen ist und oben das himmlische Jerusalem", erklärt Jacobs weiter.

Dieser so genannte 'Survivors' Talmud' wurde in einer Auflage von 1.000 Exemplaren gedruckt. "Da sollte man meinen, da gibt es andere Probleme zu lösen", sagt der wissenschaftliche Leiter der KZ-Gedenkstätte Bergen Belsen, Thomas Rahe, "aber, das war auch den Nicht-Religiösen ein wichtiges Anliegen, die ganze Bandbreite jüdischen Lebens wieder möglich zu machen, weil jüdische Religiosität im Judentum eine andere Bedeutung hat. Sie hat eben auch eine kulturelle Bedeutung."

Dokumente jüdischen Lebens

Bedeutung für die Zeitgeschichte und Gegenwart

Und das Religiöse ist im Judentum immer musikalisch, meint der Musiker Andor Izsák, Präsident der Siegmund Seligmann Stiftung: "Juden können nicht ohne Musik beten, Musik ist ein Teil des Gebetes. In dem Moment, wenn ein Jude betet, fängt er an zu singen. Und was machen Juden als erstes im DP-Camp? Sie drucken Gebetbücher, drucken Noten, damit das synagogale Leben endlich losgehen kann."

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Die Exponate der Ausstellung sind Leihgaben der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek. Deren Direktor Georg Ruppelt hat in den vergangenen Jahren rund 350 DP-Drucke erworben: Zeugnisse des kulturellen Lebens aus den ersten Jahren nach dem Holocaust, als rund 200.000 Juden in den Camps auf die Ausreise nach Israel oder Übersee warteten. "Man wollte Lehrbücher haben, es wurde Theater gespielt, man wollte Noten haben, es gab Orchester, die sich zusammenfanden, ein unglaublicher Kultur-, Bildungs- und Lesehunger, der sich in diesen Drucken ausdrückt, und deswegen sind diese Drucke für die Zeitgeschichte, aber auch für die Gegenwart von so großer Bedeutung", erzählt Ruppelt.

Gezeichnete Erinnerungen der Überlebenden

Rund ein Fünftel der Bilder und Texte hält das eben noch erlebte Grauen in den KZs fest, erläutert Heiko Jacobs, Geschäftsführer der Villa Seligmann: "Das sind die Wertvollsten, weil sie zu den ersten Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden gehören, die aufgezeichnet wurden." Aufgeschrieben und skizziert unmittelbar nach Kriegsende in den DP-Camps.

Heiko Jacobs weist auf die erste Kammer mit Zeichnungen hin, "die auf den ersten Blick aussehen wie Comic-Zeichnungen. Die Zeichnungen zeigen den Lebenslauf eines Menschen, der Auschwitz überstanden hat, von der Gefangennahme bis zur Befreiung mit der ganzen Verzweiflung, aber in ungeheuer würdevollen Zeichnungen." Die Bilder, die schonungslos Leben und Sterben in den KZs dokumentieren, zeigen die Kuratoren - mit Rücksicht auf Besucher - in separaten Kammern.

Druckerzeugnisse aus jüdischen DP-Camps

Eine Ausstellung in der Villa Seligmann in Hannover beschäftigt sich mit dem jüdischen Leben nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu sehen sind Druckerzeugnisse aus Displaced-Persons-Camps.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ort:
Villa Seligmann
Hohenzollernstraße 39
30161  Hannover
Telefon:
(0511) 844 887 200
E-Mail:
info@villa-seligmann.de
Öffnungszeiten:
Die Ausstellung kann nach Anmeldung besichtigt werden. Telefonische Anmeldung erbeten.
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Dokumente jüdischen Lebens

Eine Ausstellung in der Villa Seligmann in Hannover beschäftigt sich mit dem jüdischen Leben nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu sehen sind Druckerzeugnisse aus Displaced-Persons-Camps. Bildergalerie

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