Stand: 17.02.2017 16:24 Uhr

Begegnungen mit Flüchtlingen auf hoher See

von Susanne Schäfer

Im vergangenen Sommer hat NDR Kultur zwei Künstler bei einem ganz besonderen Projekt begleitet: Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel sind mit dem Rettungsschiff "Aquarius" aufs Mittelmeer gefahren. Sie haben das Team der Hilfsorganisation "SOS Mediterranee" begleitet. Mehr als 1.000 Flüchtlinge hat die Crew während dieser Zeit aus dem Meer gerettet. Aus dem, was Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel dort gesehen und erlebt haben, ist jetzt eine Ausstellung entstanden. Und auch die Veröffentlichung ihrer Graphic Novel steht kurz bevor. Susanne Schäfer war bei der Ausstellungseröffnung in Osnabrück dabei.

Die Ausstellung "Liebe Deinen Nächsten"

Hellblaues Meer, leichter Wellengang. Rechts in der Bildecke ein weißes Schlauchboot. Menschen strecken hilfesuchend ihre Arme aus. Dieses Bild hängt gleich zweimal in der Ausstellung. Nicht ohne Grund, sagt Künstler Peter Eickmeyer: "Als klar war, wie wir das Buch umsetzen, und dass es in der Mitte einen Bruch gibt, da ist ein Bild entstanden, das heißt 'Einbruch der Wirklichkeit'. Das existiert hier in der Ausstellung einmal in der digitalen und einmal in der händischen Version. Das wird quasi - der linke Teil digital, der rechte händisch - auch den Bruch im Buch darstellen."

Den Bruch erlebten er und seine Frau Gaby von Borstel auch in der Wirklichkeit. Viele Tage hieß es: Warten, bis das Rettungsschiff Aquarius tatsächlich einen Einsatz hatte. Dann aber bewahrten sie viele hundert Flüchtlinge vor dem Ertrinken. Für diese Erlebnisse reichten Eickmeyer die am Computer bearbeiteten Bilder nicht: "Ich wollte unmittelbarere Bilder schaffen und nicht die Distanz des Computers dazwischen haben."

Der Sache gerecht werden

"Liebe Deinen Nächsten" - so haben sie Ausstellung und Buch genannt. Auch mit Bezug auf ein Werk von Erich Maria Remarque. Der Autor des Weltkriegsromans "Im Westen nichts Neues" lieferte vor knapp drei Jahren schon die Vorlage für ihre erste Graphic Novel. Im Vergleich dazu war das Malen und Gestalten für Peter Eickmeyer diesmal eine deutlich größere Herausforderung. "100 Jahre Erster Weltkrieg - da gab es keinen Disput über das Thema. Das Thema Flüchtlinge wird ja durchaus kontrovers diskutiert. Und der ganzen Sache will man natürlich gerecht werden, auch in der Umsetzung. Deshalb habe ich lange gekämpft mit den grafischen Mitteln, wie ich das umsetze, um der Sache auch wirklich gerecht zu werden."

Das ist ihm gelungen, finden die Besucher der Ausstellungseröffnung: "Wenn man die Bilder anschaut, dann ist es, als wäre man dabei. Also ich bin begeistert", sagt eine Frau. Jemand anderes vermutet: "Er kann ja wunderbar Situationen erfassen, aber hier ist das Grauen nicht so drin, was eigentlich dahinter steckt. Die Bilder sind nicht so schlimm, wie es wahrscheinlich gewesen ist." Und weitere Stimmen sagen: "Ich finde es auch richtig, das zu Kunst zu machen und nicht nur zu fotografieren." "Sehr eindrucksvoll und ermahnend, wie viele Menschen eben nicht gefunden werden und ertrinken" und "allein vom Künstlerischen ist es eine unglaubliche Leistung".

Mehr als nur eine Nachrichtenzeile

Die Ausstellung bietet einen Vorgeschmack auf das Buch, das im Mai erscheinen soll. Erste Seiten sind zu sehen, etwa wie im Comic-Stil die Crew der Aquarius vorgestellt wird. Als Basis für die Texte dienen unter anderem Interviews, die Journalistin Gaby von Borstel an Bord geführt hat: "Zum Teil wird das wirklich wie in einem Comic, mit Sprechblasen. In den Interviews werden die Menschen vorgestellt, teilweise mit direkter Sprache. Oder es wird das Land vorgestellt, dann ist das eine Information zum Beispiel über die Elfenbeinküste, um auch die Hintergründe zu schildern."

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Ihre Kunst sehen Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel als einen Einsatz für Humanität. "Unsere Form ist die bebilderte Geschichte, die Graphic Novel", sagt Eickmeyer. "In der Form können wir das umsetzen. Von daher war das von uns auch ein anderer Ansatz, diese Thematik aus den 'normalen' Nachrichten herauszubekommen. Dass es nicht wieder nur eine kleine Zeile ist - 'wieder 500 Menschen ertrunken' - sondern dass die gesamte Geschichte erzählt wird. Und auch mit einem Medium, das vielleicht auch andere Leser erreicht, als vielleicht ein Sachbuch oder eine Tageszeitung."

Zugleich bietet die Ausstellung aber auch Dinge, die das Buch nicht liefern kann, wie etwa zwei großformatige Acrylbilder - Porträts von Flüchtlingen. Nur wer genau hinschaut, entdeckt auch Stofffetzen einer Rettungsweste. Eickmeyer hat sie übermalt. Aber das grelle Orange schimmert noch durch.

Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Mai 2017 im Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum in Osnabrück zu sehen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.02.2017 | 19:00 Uhr

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