Stand: 17.02.2017 08:18 Uhr

Alter Reformator: Kunst-Schnäppchen für Emden

von Isabell Vidos

Sein erstes Gebot lag bei 2.100 Euro. Bis 3.000 Euro würde er mitgehen, hatte sich Marius Lange van Ravenswaay vorher gesagt. Doch kaum, dass er sein Gebot abgegeben hat, hörte er plötzlich: zum Ersten, zum Zweiten … und zum Dritten. Verkauft. Als der Auktionshammer fiel, wusste der Direktor der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden, dass ihm ein "kleiner Coup" gelungen war.

Ein Porträt des italienischen Reformators Peter Martyr Vermigli.

Emden: Bibliothek ersteigert wertvolles Bild

Hallo Niedersachsen -

Dem Direktor der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden ist ein Coup gelungen. Für wenig Geld hat er ein unbekanntes Porträt des italienischen Reformators Vermigli ersteigert.

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Porträt bisher nur in der National Gallery London zu sehen

Auf der Suche nach neuen Gemälden für die Sammlung der Bibliothek war der van Ravenswaay um Weihnachten herum zufällig auf ein Ölbild gestoßen. Darauf: ein Mann mit fülligem Gesicht, weißem Bart und entschlossenen Augen. Deklariert war es als "Porträt eines älteren Herrn". Künstler: unbekannt. Doch anders als das Auktionshaus, erkennt der studierte Theologe van Ravenswaay, den "älteren Herrn". "Ich war mir direkt zu 99 Prozent sicher, dass es sich dort um Peter Martyr Vermigli handeln musste", sagt er. Das Besondere an dem Bild: Von Peter Martyr Vermigli (1499 - 1562), italienischer Reformator und theologischer Vordenker, gibt es kaum Abbildungen. Für die Öffentlichkeit ist ein Porträt bisher nur in der National Gallery in London zu sehen. Aber jetzt eben auch eines in Emden.

Peter Martyr Vermigli

Geboren 1499 in Florenz, tritt er mit 15 Jahren einem Augustinerorden bei. Nach dem Theologiestudium und der Priesterweihe propagiert er immer stärker reformatorische Ideen im streng katholischen Italien. Da ihm die Inquisition droht, flieht er zunächst nach Straßburg, später nach London und Zürich. Dort stirbt er 1541 und hinterlässt ein reformatorisches Lehrbuch, das auch noch Jahrhunderte später im Theologiestudium eingesetzt wird.

Gemälde weitaus mehr wert?

Van Ravenswaay ist sich sicher: Hätte das Auktionshaus das Bild unter dem Namen Vermigli angeboten, wäre es um ein Vielfaches teurer geworden. Auf einen potentiellen Preisrahmen festlegen, will sich der Direktor jedoch nicht. Auch das Auktionshaus, das das Porträt versteigerte und der deutsche Kunsthistorikerverband lehnen Schätzungen ab. Die Rahmenbedingungen auf dem Kunstmarkt wären dafür einfach zu variabel. Van Ravenswaay vermutet, dass es eine höhere Nachfrage gegeben hätte, besonders aus England, wo der Reformator im 16. Jahrhundert lebte und wirkte. Ebenfalls preissteigernd ist das Reformationsjahr 2017. Bilder mit protestantischen Sujets haben gerade Konjunktur.

"Am Ende entstehen Preise auf dem Kunstmarkt aus reiner Psychologie", dämpft der Direktor allzu hohe Erwartungen, "es hätte teurer sein können, aber in die Millionen wären wir sicherlich nicht gekommen." Dass er in seinem glücklichen Poker um den Vermigli keiner Fälschung aufgesessen ist, hat van Ravenswaay inzwischen ausgeschlossen: Der Schweizer Kirchenhistoriker Emidio Campi identifizierte das Gemälde. "Für Fälscher wäre das Bild dann doch zu wenig gewinnbringend gewesen", erklärt van Ravenswaay.

Vermigli - wichtig für reformatorische Sammlung

Wichtiger als der Preis ist für van Ravenswaay der ideelle Wert des Porträts für die Sammlung. Schließlich war Vermigli von 1547 bis 1553 zusammen mit dem Namensgeber der Bibliothek, Johannes a Lasco, in London. Beide waren dort als religiöse Flüchtlinge. Diesem Thema wird sich auch die kommende Ausstellung in der Großen Kirche der Emder Bibliothek widmen wird. Ab dem 14. Mai wird dort "Reformation und Flucht - Emden und die Glaubensflüchtlinge im 16. Jahrhundert" zu sehen sein. "Vermilgi war aufgrund seiner reformatorischen Gedanken auf der Flucht vor der Inquisition. Das wir nun ein Porträt von ihm haben, passt perfekt in unsere Ausstellung", freut sich van Ravenswaay.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 17.02.2017 | 19:30 Uhr

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