Stand: 12.04.2017 14:30 Uhr

"Das Hohelied Salomos" in Ahrenshoop

von Juliane Voigt
Ein Werk (Blatt 2) aus dem Bildzyklus "Das Hohelied Salomos" des Rostocker Malers Egon Tschirch. Es entstand im Jahr 1923. Der Maler starb 1948 in Rostock.

Wer träumt nicht davon, auf dem Dachboden oder im Keller mal einen alten verstaubten Koffer zu finden und plötzlich im Besitz eines ungeahnten Schatzes zu sein? Der dann auch noch für Aufruhr in der Kunstszene sorgt. Solche Kellerfunde sind selten geworden. Der Salomon-Zyklus von Egon Tschirch im Kunstmuseum Ahrenshoop, das ist so einer. Nach fast 90 Jahren kam er durch Zufall wieder ans Tageslicht. Zu sehen ist er in der Ausstellung zum 125. Jubiläum der Künstlerkolonie Ahrenshoop im dortigen Kunstmuseum.  

Es begann mit einer Notiz im Internet

Es sind Arbeiten auf Papier, 24 Bilder, strahlend in den kräftigen Grundfarben Blau, Gelb und Rot. Explosive und dynamische Motive, erotische Liebesszenen, Akte, der Mensch in Licht und Freiheit. Dass diese Serie da hängt, ist wie das Happy End in einem Krimi. Und alles fing damit an, dass Ulf Kringel, ein Rostocker Arzt, einen Eintrag im Internet fand:

"Hallo zusammen, haben auf dem Speicher meiner Uroma eine Serie von Aktbildern gefunden. Und nach den Aufzeichnungen meiner Oma, war sie mit dem Künstler bekannt. Und über den Maler haben wir nur herausgefunden, dass es sich um einen Rostocker Künstler handelt, dessen Bilder auch in der Rostocker Kunsthalle ausgestellt sind."

Kunstwerke vorm Sperrmüll gerettet

Der Besitzer im Rheinland hatte keine Ahnung, was er da vor dem Sperrmüll gerettet hatte, signiert mit Egon Tschirch 1923. Kringel dagegen war elektrisiert. Er kannte den Maler. Zum Beispiel das Gemälde von der zerstörten Rostocker Innenstadt in der Marienkirche. Er kaufte 18 der 24 Bilder. Schon das war eigentlich aufregend genug. "Als ich abends wieder nach Rostock zurückkam, war ich wirklich ergriffen", sagt Kringel. "Als ich nachts so durch Rostock ging und etwas in der Hand hatte, das vor 90 Jahren die Stadt verlassen hatte und nun wieder heimkehrte, an seinen Ursprungsort."

Warum wusste niemand von den Bildern?

Bild vergrößern
Egon Tschirch, hier auf einem Bild aus dem Jahr 1929, wurde 1889 in Rostock geboren.

Dann aber begann das große Rätselraten. Was ist das für eine Serie? Warum weiß niemand von den Bildern? Die Urgroßeltern des ehemaligen Besitzers waren Anfang der 20er-Jahre in Rostock. Aber mehr wusste keiner. "Das einzige an Information war, dass dieses Bilderkonvolut schon drei Generationen in der Familie war", erzählt Kringel. "Und zwar war es in Berlin in der Uhlandstraße im Keller eingeschlossen. Der Besitzer sagte, er als Kind hatte in Berlin keinen Zugang zu dem Keller, er durfte da nicht hin, es war verboten."

Wahrscheinlich in den 30er-Jahren aus Angst versteckt

Ein Zeitungsartikel vom April 1923 klärte schließlich auf: Eine Rezension der Serie "Das Hohelied Salomos" von Egon Tschirch. Ausgestellt wurde der Zyklus, der heute im Kunstmuseum zu sehen ist, damals im Städtischen Museum Rostock. Schon bald aber muss die Familie eines Malerfreundes die Bilder mit nach Berlin genommen haben. Warum die Serie aber von da an versteckt wurde, kann Katrin Arrieta vom Kunstmuseum Ahrenshoop nur erahnen: "Das kann natürlich damit zu tun haben, dass es erotische Kunst ist", sagt sie. "Es kann aber auch damit zu tun haben, dass es in den 30er-Jahren entartete Kunst gewesen ist, die man auch verstecken musste. Ich kann mir schon vorstellen, dass sie in der Familie einfach weitergegeben wird. Das wird internalisiert, diese Angst - und sie wird dann einfach weitergegeben, ohne dass man sich mit dem eigentlichen Grund beschäftigt."

Bild vergrößern
"Das Hohelied Salomos (Blatt 1)": Der Bildzyklus wurde vor über 90 Jahren aus Rostock nach Berlin gebracht und dort in einem Keller versteckt.
Aufarbeitung der Grauen des Krieges

Denn die Kunsthistorikerin verortet die Serie ganz deutlich in den Zeitgeist, der nach dem Ersten Weltkrieg viele Künstler trug. Tschirchs persönliche Aufarbeitung seiner Zeit als Soldat im Grauen des Krieges. Das "Hohelied Salomos" aus dem Alten Testament ist ein Bekenntnis zum Leben. Voller Naturkraft, Sinnlichkeit und Geist - gemalt aber in der bald als entartet verfemten Bauhaus-Ästhetik. "Das war ja eine Theorie des Bauhauses, dass das Wesen des Kosmos sich in den Elementarfarben ausdrückt“, erkärt Arrieta. "Da gibt es ja einmal Hell und Dunkel, Schwarz und Weiß. Und dann gibt es die Elementarfarben Gelb, Rot und Blau, aus denen sich alles mischt."

Der Tschirch, den keiner kannte

Egon Tschirch malte später naturalistische Porträts und Stadtansichten. Das Porträt von Peter Erichson, dem Ahrenshooper Kunstmäzen und Hinstorff-Chef, hängt zum Beispiel seit damals im Rostocker Verlagshaus. Tschirch ist bis heute wohl bekannt. Der Egon Tschirch aber, den keiner kannte, der ist jetzt immerhin in Ahrenshoop, angekommen. Am 21. Mai, am internationalen Museumstag, wird Ulf Kringel, der neue Besitzer und Finder des Salomon-Zyklus‘, die abenteuerliche Geschichte dieser Bilder im Kunstmuseum noch einmal detailliert erzählen.

"Das Hohelied Salomos" in Ahrenshoop

Mit dem Bildzyklus "Das Hohelied Salomos" von Egon Tschirch zeigt das Kunstmuseum Ahrenshoop eine kleine kunsthistorische Sensation. Die Gemälde waren erst 2015 wiederentdeckt worden.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunstmuseum Ahrenshoop
Weg zum Hohen Ufer 36
18347  Ahrenshoop
Telefon:
(038220) 6679-0
Preis:
Erwachsene: 8 Euro, Studenten: 4 Euro, Schüler 3 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei
Öffnungszeiten:
Täglich von 11 - 18 Uhr (April bis Oktober)
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 12.04.2017 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

30:23

Kulturjournal vom 16.10.2017

16.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
05:05