Stand: 18.11.2017 00:01 Uhr

"Bild der Bronzezeit ändert sich grundlegend"

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Landesarchäologe Detlef Jantzen mit einem Schädel aus der Zeit 1300 v. Chr., in dem eine Pfeilspitze aus Bronze steckt.

Es ist eine große Schlacht, damals vor fast 3.300 Jahren: Die Kämpfer strecken sich mit Äxten nieder, schießen mit Pfeilen aus Kupfer, Zinn und Blei aufeinander. Mehrere Tausend Menschen nehmen damals an der Schlacht im Tollensetal teil. Doch die archäologischen Grabungen am Fluss in der Nähe von Altentreptow konnten bis jetzt das große Rätsel nicht lösen: Warum kam es zu diesem Gemetzel um etwa 1250 vor unserer Zeitrechnung? Im Freilichtmuseum Groß Raden bei Sternberg läuft dazu gerade die Ausstellung "Blutiges Gold - Macht und Gewalt in der Bronzezeit". NDR 1 Radio MV hat mit dem Landesarchäologen Detlev Jantzen über Ausgrabungen und Ausstellung gesprochen.

Sie haben mal gesagt, dass sich durch die Funde im Tollensetal das Bild der Bronzezeit grundlegend ändert. Warum?

Detlev Jantzen: Bis vor wenigen Jahren hatten wir ein ziemlich friedliches Bild der Bronzezeit, das geprägt war durch reiche Grabausstattungen, tolle Bronzegegenstände mit fantastischen Verzierungen. Was wir bis dahin nicht gesehen haben, war das Ausmaß an Gewalt, das es offenbar auch in dieser Zeit und in dieser Gesellschaft gab. Durch die Entdeckungen im Tollensetal wurden wir sozusagen auf dieses Phänomen gestoßen, und der Geschichte der Bronzezeit wurde damit ein ganz neues Kapitel hinzugefügt.

Bilder: "Blutiges Gold - Macht und Gewalt in der Bronzezeit"

Es ist das älteste Schlachtfeld in Europa, richtig?

Jantzen: Das ist so. Wenn man sich nördlich der Alpen umsieht, findet man nichts Vergleichbares. Es ist tatsächlich das erste und älteste archäologisch nachweisbare Schlachtfeld in Europa.

Was wollen Sie in der Ausstellung vermitteln?

Jantzen: Es geht uns in der Ausstellung um besagten Kontrast: Reiche Grabausstattungen, reich geschmückte Menschen, die mit kiloschwerer Bronzetracht umher laufen, weitreichende Handelskontakte - Gegenstände aus dem Mittelmeerraum kommen in unsere Region zu dieser Zeit - und dann gibt es auf der anderen Seite dieses unerwartete Ausmaß an Gewalt, die sich da im Tollensetal abgespielt hat. Und wir werfen auch die Frage auf, was das beides miteinander zu tun hat. Denn letztlich sind es ja zwei Seiten derselben Medaille, die wir da vor uns haben. Und es gibt ja auch einige spannende Bezüge zur Gegenwart, weil diese Welt, die sich dort so abzeichnet, eigentlich gar nicht so anders aussieht als unsere Welt, die wir heute kennen.

Interessiert das denn die Leute? Wie sind die Besucherzahlen?

Detlev Jantzen - Kurzvita

Detlev Jantzen, Jahrgang 1960, hat an der Christian Albrechts Universität in Kiel unter anderem Ur- und Frühgeschichte studiert. 1994 kam er nach Mecklenburg-Vorpommern und leitete die archäologischen Ausgrabungen entlang der damals noch im Bau befindlichen A 20-Trasse. Später promovierte er zum Thema "Quellen zur Metallverarbeitung im nordischen Kreis der Bronzezeit". Seit 2011 ist Jantzen Landesarchäologe von Mecklenburg-Vorpommern.

Jantzen: Die die Ausstellung wird sehr gut angenommen und hat auch sehr gute Kritiken bekommen, was uns natürlich sehr freut.

Wer hat sich denn damals die Köpfe eingeschlagen, und warum?

Jantzen: Die Frage können wir leider auch noch nicht beantworten. Wir haben die Opfer dieses Kampfes dort im Tal ausgegraben. Sie verraten uns einiges über den Verlauf des Kampfes. Sie verraten uns auch einiges darüber, was sie vorher in ihrem Leben gemacht haben. Aber wir haben leider noch nicht herausfinden können, aus welcher Region sie genau gekommen sind. In dieser sehr dünn besiedelten, bronzezeitlichen Landschaft treffen mit einem Mal mehrere Tausend junge Männer aufeinander. Die müssen natürlich aus einem ziemlich großen Einzugsgebiet kommen und bis jetzt deutet alles darauf hin, dass wir Menschen aus verschiedenen Regionen vor uns haben.

Warum wissen wir mehr über das alte Ägypten und die Pharaonen als über so ein bedeutendes urgeschichtliches Ereignis direkt vor unserer Haustür?

Jantzen: Das liegt einfach daran, dass bei uns die Schrift- und Bildquellen fehlen. Es ist nichts überliefert, das uns irgendwie helfen würde, diesen Konflikt zu verstehen. Im Mittelmeerraum ist das ganz anders, da haben wir umfangreiche Überlieferungen in Schrift und Bild. In Ägypten ist die Schlacht ausführlich thematisiert worden, die 1274 bei Kadesch im heutigen Syrien stattgefunden hat. Da haben wir viele Informationen. Wir können zum Beispiel sehen, wie Bogenschützen auf ihren Streitwagen stehen. Dieses ganze Hintergrundwissen fehlt bei uns.

Mecklenburg-Vorpommern ist auch die Heimat von Troja-Entdecker Heinrich Schliemann. Ist der Fund bei Altentreptow sozusagen ihr persönliches Troja?

Jantzen: An so einem Forschungsprojekt arbeiten ja viele mit, aber von der Bedeutung her ist es schon vergleichbar. Wenn man sich vornehmen würde, die 50 bedeutendsten Fundstellen der Erde zusammenzustellen, wäre das Tollensetal sicher dabei. Es ist eine außerordentlich bedeutsame Entdeckung.

Nach jahrelangem Hin und Her gibt es jetzt eine Entscheidung für den Standort eines Archäologischen Landesmuseums im Land. Es soll nach Rostock kommen. Wie wichtig wird dieses Museum für die Arbeit der Archäologen im Land?

Infos zur Ausstellung

Blutiges Gold - Macht und Gewalt in der Bronzezeit
Sonderausstellung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Landesarchäologie
6. Oktober 2017 bis 10. September 2018

Archäologisches Freilichtmuseum
Kastanienallee 49
19406 Groß Raden

Tel: 03847-2252
Fax: 03847-451624
E-Mail: museum.gross.raden@kulturerbe-mv.de

Öffnungszeiten

  • April bis Oktober: Montag bis Sonntag 10 bis 17.30 Uhr
  • November bis März: Dienstag bis Sonntag 10 bis 16.30 Uhr
  • 24. Dezember: geschlossen

Eintritt
Erwachsene 3,50 €
ermäßigt * 2,00 €
Weitere Preiskategorien, z.B. für Schulklassen.

Jantzen: Das wird ein Schaufenster sein, in dem die Arbeit der Archäologie, die mit mehr als 200 Jahren in Mecklenburg-Vorpommern eine sehr lange Tradition hat, auch mal prominent in der Öffentlichkeit gezeigt werden kann. Das ist etwas, worauf viele warten - und worauf sich viele freuen. Auch wir freuen uns darauf, diese tollen Dinge, die in den Depots liegen, öffentlich präsentieren zu können.

In Rostock wird noch darum gestritten, wo genau dieses Museum liegen soll: im alten Schifffahrtsmuseum oder in einem Neubau am Stadthafen. Welche Lösung wäre Ihnen am liebsten?

Jantzen: Wichtig ist vor allem, dass dieses neue Museum wirkt, dass es angenommen wird und Zulauf hat. Diese tolle Sammlung hat es wirklich verdient, ein breites Publikum zu bekommen.

Braucht es nicht aber auch bestimmte bauliche Anforderungen an so ein Museum?

Jantzen: Das spielt natürlich eine wichtige Rolle für die Präsentation der Inhalte, aber man kann da auch verschiedene Wege gehen. Man kann in einer vorhandenen Hülle ansprechend präsentieren, aber einfacher ist es natürlich, wenn man die Hülle auf den Inhalt ausrichten kann.

Was ist denn nach dem Tollensetal für Sie die zweite bedeutende Baustelle für die Archäologen im Land?

Jantzen: Da denke ich vor allem an die Aufarbeitung der Sammlung. Sie in einem teilweise nicht besonders guten Zustand. Wir machen jetzt eine grundlegende Erfassung dieser Sammlung. Damit werden wir noch etliche Jahre zu tun haben, denn es ist die erste komplette Erfassung seit 1910. Und dabei entdecken wir täglich Dinge, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie haben. Dabei sind fantastische und tolle Stücke. Das ist sowas wie eine Grabung im eigenen Depot.

Das Interview führte Frank Breuner, NDR 1 Radio MV.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 15.11.2017 | 19:00 Uhr

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