Stand: 29.02.2016 13:27 Uhr

Raymond Pettibon - Zeichnen gegen alles

von Anette Schneider

Die Masse macht's! Macht sie es wirklich? Die Sammlung Falckenberg jedenfalls lockt mit einem Superlativ. Die zu den Hamburger Deichtorhallen gehörende Einrichtung präsentiert die bisher größte Ausstellung des US-amerikanischen Zeichners Raymond Pettibon: 700 Arbeiten auf vier Stockwerken, darunter Hunderte, die in den 80ern entstanden, als der mittlerweile 59-Jährige die Zeichen-Ikone des Punk war.

Zwei Gemälde

Sammlung Falckenberg präsentiert Pettibon

Hamburg Journal -

Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler Amerikas und kritischer Chronist seiner Zeit: Raymond Pettibon. Nun zeigt die Sammlung Falckenberg seine Werke.

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Das Logo von Black Flag als wiederkehrendes Motiv

Drei nackte Hippies springen bekifft und lachend in den Tod. Ein hagerer Alter droht dem Betrachter mit zwei wild gewordenen Bulldoggen. Drei Männer quälen eine gefesselte Frau. Zu sehen auf Zeichnungen von Raymond Pettibon, dem Kultzeichner der US-amerikanischen Punkbewegung. Sein Bruder war der Gründer der Punk-Band Black Flag, der Pettibons Blätter für Plattencover, Flyer, T-Shirts und comicähnliche Hefte verwendete. Vieles davon hängt in der Ausstellung.

Immer wieder sieht man vier parallele schwarze Balken - das Logo von Black Flag. Vier schwarze Balken als Synonym des Punk, als Inbegriff einer chaotischen Leck-mich-am-Arsch-Haltung gegen alles und jeden - erfunden von Raymond Pettibon.

Autodidakt mit hartem Strich

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Die Zeichnungen des US-Amerikaners Raymond Pettibon dienten als Vorlage für zahlreiche T-Shirts und Poster.

Pettibon, der längst im bürgerlichen Kunstbetrieb angekommen ist, zeichnete damals gegen alles. Allein zwei Stockwerke umfassen die Arbeiten, die in den 70er- und 80er-Jahren entstanden, als Punk noch Punk war. Als der studierte Ökonom und künstlerische Autodidakt mit hartem Strich und im Comicstil alles sezierte, was ihm in den Blick kam. Rücksichtslos, tabufrei, provozierend: Ein nackter Mann übt im Schlafzimmer den Hitlergruß. Ein Amokläufer schnappt sich im vermeintlich sicheren Eigenheimgarten einen Säugling. Eine Frau blickt auf einen erschossenen Schwarzen und wundert sich, dass sein Blut rot ist.

"Ich nenne Pettibon einen Mythologen Amerikas. Und Mythologen - damit meine ich jemanden, der die Geschichten untersucht und formuliert, mit denen die Amerikaner sich selber identifizieren", sagt Kurator Ulrich Look, der auf vier Stockwerken 700 Arbeiten zeigt. Mal chronologisch, mal thematisch gehängt.

"Das hauptsächliche Motiv - aber das taucht nicht auf, das liegt dahinter - ist der amerikanische Traum", sagt Look. "Der amerikanische Traum tritt aber in dieser Mythologie, in dieser Sozialgeschichte Amerikas, die Pettibon über 40 Jahre gezeichnet hat, in seiner Verkehrung auf. In seiner schwarzen, seiner negativen, in seiner ruinierten Form."

Baseball als amerikanischer Mythos?

Pettibon legt frei, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt. Dass die Kriege des selbst ernannten Welt-Polizisten USA, soziale Unsicherheit, eine gewaltgetränkte Massenkultur und alltäglicher Rassismus Spuren im Individuum hinterlassen. Er zeigt Gewalt und Gewaltphantasien. Rassismus und Jesuswahn. Und immer wieder auch - Baseballspieler.

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9 Bilder

Rücksichtslos, tabufrei, provozierend

Der US-amerikanische Zeichner Raymond Pettibon war in den 80er-Jahren eine Ikone des Punk. Die Sammlung Falckenberg in Hamburg zeigt 700 Arbeiten des Künstlers. Sie sind tabufrei und provozierend. Bildergalerie

"Die Ausstellung heißt 'Homo Americanus' - des amerikanischen Menschen, des amerikanischen Mannes, verkörpert innerhalb dieser mythologischen Konstruktion von Pettibon, zum Beispiel durch den Baseballspieler. Der Baseballspieler, der den großen Knüppel schwingt", so Kurator Look.

Im dritten Stockwerk kehrt etwas Ruhe ein. Fast scheint es, Pettibon sei handzahm geworden. Auf großem Format widmet er sich plötzlich Strukturen, tuscht Kirchengewölbe und Dornenbüsche, umrahmt sie mit Zitaten von Mark Twain bis James Joyce. Immer wieder malt er auch große Meeransichten mit winzigen Surfern - für ihn ein Symbol der Freiheit. "Pettibon ist mittlerweile auch angekommen im Museum of Modern Art", sagt Look. "Man kann auch sagen, dass Pettibon in den Zirkeln der offiziellen Kultur bekannt ist und geachtet wird."

Wütende Kommentare zum angeblichen Krieg gegen Terror

Im vierten und letzten Stockwerk der gewaltigen Ausstellung dreht Pettibon glücklicherweise noch einmal voll auf: Der glatte Strich der 90er, mit dem er bewiesen hat, dass er für den bürgerlichen Kunstmarkt kompatibel ist, weicht einem brutalen Strich. Wütend und angeekelt zieht er her über den angeblichen Krieg gegen den Terror.

Dort findet Antwort, wer sich bisher fragte, was die roten Streifen in der US-amerikanischen Flagge zu bedeuten haben: Auf einem großen Aquarell schleifen zwei martialisch ausgerüstete Soldaten blutüberströmte Erschossene hinter sich her - die auf dem Boden rote Streifen hinterlassen.

Raymond Pettibon - Zeichnen gegen alles

Der US-amerikanische Zeichner Raymond Pettibon war in den 80er-Jahren eine Ikone des Punk. Die Sammlung Falckenberg in Hamburg zeigt 700 Arbeiten des Künstlers. Sie sind tabufrei und provozierend.

Datum:
Ende:
Ort:
Deichtorhallen Hamburg - Sammlung Falckenberg
Wilstorfer Straße 71
21073  Hamburg-Harburg
Telefon:
(040) 3250 6762
E-Mail:
sammlungfalckenberg@deichtorhallen.de
Hinweis:
Zur Ausstellung finden Führungen donnerstags und freitags um 18 Uhr, samstags um 15 Uhr und sonntags um 12,15 und 17 Uhr statt.
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.02.2016 | 19:00 Uhr