Stand: 12.08.2017 12:22 Uhr

Kriegstänze im Museum

von Daniel Kaiser

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe wird zur Außenstelle des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel. Die renommierte Choreographin Eszter Salamon bespielt eine Woche lang mit einem außergewöhnlichen Tanztheater-Projekt die historische Turnhalle des Hauses, das auch mal eine Schule beherbergte.

Die Besucher stehen im leeren Raum verteilt. Die Tänzer bewegen sich um sie herum. Erst schleichen sie wie Zombies in Zeitlupe mit Grimassen und derbe herausgestreckter Zunge. Sie nähern sich und schauen den Besuchern fest in die Augen. Da geht einem schon ein bisschen der der Puls. So hat die Museumsdirektorin Sabine Schulze ihr Haus noch nie erlebt. "Das ist nicht nur Körperlichkeit, das ist Schweiß und Angst", flüstert sie in die angespannte Stimmung und zuckt zusammen, als hinter ihr eine Tänzerin mit dem Fuß aufstampft. "Es gibt da einen ganz intensiven Kontakt zum Besucher, wenn er sich denn darauf einlässt und nicht feixt und sich wegdreht, sondern den Blick der Tänzer hält. Das macht was mit einem."

Testosteron hautnah

Die renommierte Choreographin Eszter Salamon habe mit ihren Tänzern stilisierte Bewegungen aus aller Welt gesammelt und zu einer großen Geschichte zusammengefügt, erklärte Festival-Intendant Andras Siebold. "Es handelt sich um lokale Volkstänze aus Papua-Neuguinea, Indien und afrikanischen Ländern dabei. Man sieht hier also einmal die ganze Welt durch die Brille des Tanzes.“ Die Besucher spüren hautnah das Testosteron und die Aggression, denn die Tänze sind in Kriegen und Krisen entstanden. "Tanz ist hier ein Werkzeug, um Krisen zu verarbeiten und um auf einer symbolischen Ebene einen Krieg durchzuspielen und ihn dann loszuwerden“, sagt Siebold.

Lebende Ausstellung

Die Performance-Künstler singen und tanzen, sie tanzen Besucher an, nehmen sie an die Hand und gehen mit ihnen durch den Raum. Manchmal fangen sie auch an zu sprechen. Die Erfahrung als Zuschauer ist intensiv und unmittelbar. Man wird in das Tanzstück hineingezogen. Eine Woche lang - jeden Tag zehn Stunden - bespielen die Tänzerinnen und Tänzer die alte Turnhalle des Museums. Wenn man die Bewegungen länger beobachtet, erkennt man die Choreographie: Hier ein Solo, da ein Duett, dann wieder die Gruppe. "Die haben so eine Art Stundenplan. Es gibt Material für drei Stunden, das dann wiederholt wird - aber immer in Variationen.“ Näher und intensiver kann man Tanz kaum erleben als in dieser lebendigen Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe.

Weitere Informationen

Kunst, um den eigenen Horizont zu verlassen

09.08.2017 09:00 Uhr
Kulturfabrik Kampnagel

Schon seit über 30 Jahren gibt es das Kampnagel Sommerfestival. In den kommenden drei Wochen bietet es wieder Tanz, Theater, Performance, Konzerte, Partys und Publikumsgespräche. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 11.08.2017 | 19:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/kunst/hamburg/Kriegstaenze-im-Museum,tanz288.html

Mehr Kultur

58:03

Nachtclub in Concert: Conor Oberst

18.10.2017 01:05 Uhr
NDR Info
02:29

João Bosco über "Time Out"

17.10.2017 22:05 Uhr
NDR Info
03:58

Flugzeug-Transport: Tupolew soll ins Museum

17.10.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin