Stand: 04.09.2015 11:08 Uhr

Wagenbach: Verlag mit "Herzklausel"

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Susanne Schüssler übernahm 2002 die Leitung des Wagenbach-Verlages von ihrem Mann, Klaus Wagenbach (rechts).

Eine Ausstellung in der Hamburger Staatsbibliothek erzählt die aufregende Geschichte des Verlags Klaus Wagenbach. Anlässlich des 50. Geburtstags geht es um die Anfänge als Verlag zwischen Ost und West, als der Gründer Klaus Wagenbach die literarische Teilung Deutschlands nicht hinnehmen wollte, und um die turbulenten Zeiten der Studentenbewegung und der APO. Heute hat der Verlag, der sich mit der Gestaltung besonders schöner Bücher einen Namen gemacht hat, einen Schwerpunkt in der Literatur aus Italien. NDR 90,3 sprach mit Verlagschefin Susanne Schüssler.

Wie viel Wagenbach-Spirit gibt es in der Ausstellung zu sehen?

Susanne Schüssler: In der Ausstellung finden Sie die unterschiedlichsten Dinge, auch Kurioses, beispielsweise über die Prozesse, die in den 70er-Jahren geführt wurden. Im Fall des getöteten Studenten Benno Ohnesorg ließ Wagenbach damals drucken, er sei ermordet worden. Danach gab es Prozesse in Berlin und Hamburg, die in erster Instanz mit Freisprüchen endeten. In Berlin gab es in zweiter Instanz eine Verurteilung. Da sieht man, dass Hamburg damals liberaler war als Berlin.

Sie finden in der Ausstellung aber auch etwas über die Arbeit des Lektors: Manuskripte, über die er gegangen ist, und die Anmerkungen des Autors. Und Sie finden viele, viele Bücher. Die sind ja besonders schön, wenn sie nicht in einem Kasten liegen. Sie werden Bücher finden, die an einer Schnur aufgehängt sind. Sie können sie anfassen, biegen, dran riechen. Das war uns wichtig, dass man Bücher nicht nur hinter Glas sieht.

"Konsenslektorat" ist ein Stichwort, für das Ihr Verlag steht. Wie entscheiden Sie, welche Bücher veröffentlicht werden?

Schüssler: Das ist ein komplizierter, manchmal lustiger und manchmal anstrengender Prozess. Konsenslektorat heißt: Wir müssen alle die Bücher lesen, und dann diskutieren wir so lange, bis wir einen Konsens herstellen können. Das ist spannend, weil unser Lektorat aus sehr unterschiedlichen Menschen besteht. Der jüngste ist Mitte 20, der älteste, Klaus Wagenbach, ist 85. Es sind unterschiedliche Herkünfte und Studiengänge.

Da gibt es doch bestimmt Reibungen, und es wird auch mal laut, oder?

Schüssler: Da kracht es manchmal. Und wenn wir nicht einer Meinung sind, wird das Buch auch nicht gemacht. Aber wenn wir uns einigen können, dann lässt ein Buch viele Lesarten zu. Das ist eine sehr gute Voraussetzung, denn wenn fünf oder sechs gemeinsam entscheiden, ist der Irrtum in der Regel weniger groß. Und dann gibt es noch etwas ganz Tolles: die sogenannte "Herzklausel": Wenn einer ein Buch vorgeschlagen hat, das alle ablehnen, dann muss er eine kurze Pause machen und tief durchatmen und sagt 'Ich möchte dieses Buch trotzdem machen!' Das heißt, er stellt sich gegen das Lektorat, gegen die anderen. Wenn man dieses "Herzklausel" zieht, muss man sehr überzeugt sein. In der Regel hat man auch wirklich recht, denn dann haben die anderen das Buch wirklich nicht verstanden.

Aber das mit der Herzklausel kann man nicht so oft machen.

Schüssler: Nein, das geht nur sehr selten. Und man muss es sich gut überlegen, denn wenn man eine falsche Entscheidung getroffen hat, muss man den Hohn und Spott der anderen befürchten. Meistens sind es aber die interessantesten Bücher. Mehrheiten können sich einfach mal irren, und der Einzelne kann Recht haben.

Das Gespräch führte Daniel Kaiser.