Stand: 23.11.2015 16:14 Uhr

Kunst gegen Putin: Pjotr Pawlenski in Hamburg

von Natascha Geier

Er betreibt den Widerstand mit Leib und Seele: der russische Radikalkünstler Pjotr Pawlenski. Nachdem er seine Hoden am Roten Platz festgenagelt, seinen Mund zugenäht und ein Ohrläppchen abgeschnitten hat, setzte Pawlenski vor zwei Wochen nun die Türen des russischen Inlandgeheimdienstes in Moskau in Flammen. Seine neueste spektakuläre Protestaktion, mit der er gegen den "staatlichen Terror" in Russland aufmerksam macht. Eine Aktion, die ihn abermals in U-Haft brachte und die ihn nun davon abhält, zu seiner weltweit ersten Retrospektive auf dem Nordwind-Festival in Hamburg zu kommen.

Das Festival findet vom 27. November bis zum 5. Dezember auf Kampnagel statt. Die Vorbereitungen übernimmt seine Lebens- und Kunstgefährtin Oksana Shalygina. "Indem er solche Aktionen macht, sich nackt zeigt und in einen ungewöhnlichen Kontext bringt, macht er seinen Körper zum Modell der Gesellschaft", sagt sie. "Er wird zur Metapher. Pjotr symbolisiert den  russischen Jedermann, der schutzlos und verwundbar ist und täglich unter den Repressionen der Regierung leidet."

Mit zugenähtem Mund für Pussy Riot

2012 vor der Kasan Kathedrale in St. Petersburg: Pjotr Pawlenski näht sich den Mund zu, protestiert gegen die Inhaftierung der Mitglieder der regierungskritischen Punkband Pussy Riot und für Meinungsfreiheit. Ordnungshüter erscheinen, die Aktion wird abgebrochen. Damit hat Pawlenski gerechnet, das gehört zum Konzept. Die Reaktion des russischen Staates ist Teil seines Kunstwerks. "Pjotr macht politische Kunst", sagt Shalygina. "Und politische Kunst ist es, die Mechanismen und Instrumente der Macht zu zeigen, ihre innere Mechanik. Pjotr versenkt sich in diesen Kontext, erklärt sich als Subjekt und zwingt die Macht, auf ihn zu reagieren. Und genau damit instrumentalisiert er den Machtapparat - er macht Kunst mit den Händen der Macht."

Mit Selbstverstümmelung gegen Putins Machtapparat

Bild vergrößern
Pjotr Pawlenski nagelt seine Hoden aufs Straßenpflaster. Seine wohl spektakulärste Aktion gegen Putins Machtapparat.

2013 auf dem Roten Platz in Moskau: Hier startet Pawlenski mit "Fixation" seine wohl spektakulärste Performance. Der Aktionskünstler nagelt seinen Hoden aufs Straßenpflaster - am "Tag des Polizisten", einem Feiertag des Machtapparats. Pawlenski selbst lässt verkünden: Seine Aktion sei eine Metapher jener politischen Apathie, die in der Gesellschaft herrsche. Letztendlich löst ihn die Polizei vom Asphalt und verhaftet Pawlenski. Doch das Verfahren wird eingestellt, man findet keinen Anklagegrund. Die Ermittler versuchen, ihn für unzurechnungsfähig erklären zu lassen. Ohne Erfolg.

"Es ist wirklich so, dass Putin inzwischen das ganze Land aus der Hand frisst", so Shalygina. "Aber es gibt eine kleine Handvoll denkender Menschen, einzelne, die keine Angst haben und dank dieser Leute verändert sich vielleicht etwas. Aber Härte, Diktatur, Terror, Unterdrückung, das alles ist um ein Grad angestiegen."

Pawlenski schneidet sich ein Ohrläppchen ab

Bild vergrößern
Pawlenski auf der Mauer der Moskauer Psychiatrie. Kurz darauf wird er von Polizisten hinuntergeschleift.

2014 auf der Mauer der berüchtigten Moskauer Psychiatrie "Serbsy Center": Pawlenski schneidet sich das rechte Ohrläppchen ab und wartet in eisiger Kälte auf die Ankunft der Polizei. Die Bildsprache, die Pjotr Pawlenski gefunden hat, habe starke Symbolkraft, sagt Jens Dietrich, Kurator des Russland-Schwerpunkts auf dem Nordwind-Festival. "Sie bezieht sich auf Kunstgeschichte, das abgeschnittene Ohr van Goghs, das Ganze findet in einem Verhältnis Massenmedien, Kunst, Politik statt und versucht dieses Verhältnis Kunst und Politik neu zu sortieren."

Doch Pawlenski kann mehr als plakative Selbstverstümmelung. Er bringt seine Vernehmungsprotokolle auf die Bühne: Er will zeigen, wie die Macht Menschen instrumentalisiert, den Ermittler wie den Angeklagten. Ein Theaterstück mit kafkaesken Qualitäten, das die Willkür des Staatsapparats entlarvt.

Pawlenski: "Ich kämpfe gegen Terrorismus"

November 2015 in Moskau: Pawlenski zündet die Tür des berüchtigten Inlandgeheimdienstes FSB an. Der FSB ist für Pawlenski die Behörde, die selbst Terror ausübt, um die Bürger zu kontrollieren. Pawlenski wird festgenommen und kommt in Untersuchungshaft.

Bild vergrößern
Am 9. November 2015 wurde Pjotr Pawlenski festgenommen.

"Ich denke, dass man die brennende Tür entweder als Geste sehen kann oder als eine Ohrfeige ins Gesicht der Terrorgefahr sehen muss. Es gibt doch viele Aufrufe, der Staat selbst ruft doch dazu auf, gegen Terrorismus zu kämpfen. Und das tue ich. Ich kämpfe gegen Terrorismus. Gegen den einseitigen Terror", sagt der Aktionskünstler in einem Video, das der unabhängige Sender Radio Svoboda nach seiner Festnahme aufgenommen und im Internet verbreitet hat.

Aber ist er diesmal zu weit gegangen? Erstmals hat er nicht sich selbst verletzt, sondern Sachbeschädigung begangen, auch wenn nur eine Tür gebrannt hat. Momentan gehen Familie und Anwälte davon aus, dass er - wegen Vandalismus - drei Jahre Haft bekommt. Und was jetzt? Wie wird es weitergehen? "Wir arbeiten zusammen, unsere Arbeit und unser Leben sind nicht getrennt", sagt seine Lebensgefährtin. "Das bedeutet: Wenn dein Mitarbeiter seine Fahne fallengelassen hat, diese Fahne, die er getragen hat und im Gefängnis ist, dann nimmst du einfach die Fahne und gehst mit ihr weiter."

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 23.11.2015 | 23:15 Uhr

Kulturjournal Newsletter

Kulturjournal

Sie möchten vorab wissen, welche Themen Julia Westlake in der kommenden Sendung präsentiert? Mit dem Kulturjournal Newsletter bleiben Sie immer auf dem neuesten Stand. mehr