Stand: 11.06.2015 17:00 Uhr

Ein Künstler aus der Psychiatrie

von Annkathrin Bornholdt

Sie gilt als außergewöhnliches Raumkunstwerk: die Zelle des Psychiatriepatienten Julius Klingebiel in Göttingen. Jahrelang hat er sie vom Boden bis zur Decke kunstvoll ausgemalt, heute ist sie ein herausragendes Beispiel der sogenannten Outsider Art. Erst jetzt, 50 Jahre nach dem Tod des Künstlers, wird sie der Öffentlichkeit gezeigt, denn das Kunstwerk befindet sich in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. Zum ersten Mal durfte ein Kamerateam in der Originalzelle drehen.

Mit einem winzigen Stück Kohle zeichnet Julius Klingebiel erste Linien auf die Zellenwand im Festen Haus in Göttingen, einer Einrichtung für psychisch-kranke Straftäter. Bei Klingebiel haben die Ärzte Schizophrenie diagnostiziert. Er wird weggesperrt, weil er als gefährlich gilt - keine Seltenheit Anfang der Vierzigerjahre in Deutschland.

Zelle 117: Schizophrenie in Form und Farbe

Nach Jahren des Eingesperrtseins findet Klingebiel in der Malerei ein Stück Selbstbestimmung, sagt der Psychiater Andreas Spengler heute: "Die Malerei hat ihm in der Station, in der er war, einen innerlichen Rahmen gebracht, aber auch Zuwendung von Menschen. Er war wieder eine Person."

Fantasiewelt an der Zellenwand

Es ist eine beeindruckende Fantasiewelt, die sich auf den Wänden der Zelle entfaltet. Viele Tiere sind zu sehen, vor allem Hirsche, Augen stieren einen an. Grafische Muster, Abbildungen von Maschinen und religiöse Motive sind kunstvoll miteinander verwoben. Seit 50 Jahren steht die Zelle leer, war nie öffentlich zugänglich.

Die NDR Journalistin Antje Schmidt wird eher zufällig, durch einen Eintrag in der Zeitschrift der Ärztekammer Niedersachsen, darauf aufmerksam: "Dort war ein Foto abgebildet und es stand nebendran: Diese Zelle gehört zur forensischen Abteilung und da hat jemand vor 50 Jahren die ganze Zelle ausgemalt. Da war natürlich mein Interesse geweckt. Ich wollte wissen, wer das war, warum er dort eingesperrt war und wie er überhaupt auf die Idee gekommen ist, seine Zelle auszumalen. Was mir direkt aufgefallen war, war dass er eine ganz eigene Bildsprache hatte."

Die Geschichte des Psychiatriepatienten Klingebiel

Nach langen Verhandlungen und Recherchen gelingt es Schmidt, eine Drehgenehmigung zu bekommen. Die Zelle befindet sich immer noch im Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie in Göttingen. In eindrucksvollen Bildern und mit Hilfe von Zeitzeugen und Experten erzählt der Film "Ausbruch in die Kunst" nun die Geschichte des Julius Klingebiel, der 1904 in Hannover geboren wurde. Es ist die Geschichte eines psychisch Kranken, der seinen ganz eigenen Weg geht, um mit der extremen Situation, in der er steckt, umzugehen.

Der Schauspieler Peter Sikorski bringt dem Zuschauer in kurzen eingespielten Szenen, die direkt in der Zelle gedreht wurden, den Mensch Klingebiel und seine Erkrankung näher. "Man würde eine solche Verfassung heute als akute Psychose so wie damals zuordnen. Die Diagnose einer schizophrenen Erkrankung würde man dann erst nach weiteren Untersuchungen in den Raum stellen. Aber unter dem Strich lassen die Akten den Schluss zu, dass man das heute genauso diagnostizieren würde. Man würde es nur ganz anders behandeln", sagt Psychiater Spengler über den Patienten.

Kunstkenner sind von den Zeichnungen beeindruckt

Auch Kunstkenner sind auf das außergewöhnliche Werk Klingebiels aufmerksam geworden. Während der Dreharbeiten durfte Reinhard Spieler, Direktor des Sprengelmuseums in Hannover die Zelle betreten: "Es trägt alle Merkmale von großer Kunst, einerseits die Modelle, die Bilder, aber auch vom Gestalterischen. Es hat eine ganz eigene Bildsprache und eine sehr starke, kräftige strukturierte Form, die da entstanden ist." Spieler sucht nach einer Möglichkeit, Klingenbiels Kunst öffentlich auszustellen.

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9 Bilder

NDR Doku-Drama: Kunst in der Zelle

Das NDR Doku-Drama "Ausbruch in die Kunst - Die Zelle des Julius Klingebiel" zeigt Kunst in einer Psychiatriezelle. Sie ist ein hervorragendes Beispiel von Outsider Art. Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 14.06.2015 | 11:30 Uhr