Stand: 06.06.2017 15:45 Uhr

Kassel und die documenta - geteilter Glanz

von Barbara Wiegand

In dieser Woche wird in Kassel die documenta 14 eröffnet. Doch die Stadt in der nordhessischen Provinz, sie genügte den documenta-Machern um Adam Szymczyk nicht mehr und vor dem Start in Kassel eröffnete die documenta 14 in Athen.

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Das "Parthenon of Books" der argentinischen Künstlerin Marta Minujin.

Kassel, der Friedrichsplatz: Ein älteres Ehepaar sitzt auf einer Bank am Rande und schaut auf einen an die Akropolis erinnernden Gerüstbau, der als Parthenon der verbotenen Bücher Band für Band mit zensierter Literatur behängt wird. Das Pärchen schaut der documenta im Werden zu, mit Neugierde - aber auch mit Gelassenheit.

Vor 40 Jahren war das ganz anders. Vor allem ein kleines Loch sorgte damals für große Aufregung: Walter de Marias "Vertikaler Erdkilometer", den er mitten auf dem Friedrichsplatz 1.000 Meter tief in Kassels Untergrund bohrte. Der Kunstwissenschaftler und Experte in Sachen documenta-Geschichte Harald Kimpel sagt: "Ja, man hat sich wirklich wegen nichts aufgeregt. Wie kann da so ein irrer Amerikaner kommen und bohren - also es war mehr die Baustelle, als das Werk selbst. Und da war die 'Bild'-Zeitungsschlagzeile: 'Magistrat zum Irrenarzt'."

Kunst kann nicht mehr provozieren

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1982 hatte Joseph Beuys im Rahmen seiner Aktion "7000 Eichen" vor dem Fridericanum 7000 Basaltstelen anhäufen lassen - was nicht jedem Kasselaner gefiel.

An der Spitze dieses Magistrats stand Hans Eichel als damaliger Oberbürgermeister. Doch der spätere Bundesfinanzminister bot den populistischen Parolen die Stirn. Kunst zu verbieten verbot sich für ihn in diesem und auch in anderen Fällen, in denen es an die Grenzen eines traditionellen Kunstverständnisses ging: "Solange das hinter den Türen des Fridericianums stattfand, da haben die Kasselaner sich nicht so drum gekümmert. Einige sind hingegangen, ganz viele nicht. Aber als die documenta nach draußen trat - und in einer so kleinen Stadt wie Kassel kam ja keiner dran vorbei. Etwa als Beuys 1982 seine 7.000 Stelen auf den Friedrichsplatz legte, waren das für viele 7.000 Steine des Anstoßes. Und jeder Kasselaner musste mindestens einmal in der Woche daran vorbei. In New York wäre das untergegangen."

Und heute? Heute sind Beuys' Bäume und die Basaltstelen längst Teil der Kasseler Stadtlandschaft geworden. Heute zuckt man über gegenüber des Stadttheaters aufgetürmte Röhren nur die Schultern - Baustelle oder doch Kunst? Schauen wir mal. Und auch besagter Erdkilometer stößt heute allenfalls Debatten über Horizontale und Vertikale an.

Kunst ist in Kassel kaum mehr ein Aufreger - was für den Wandel des Verhältnisses zur documenta und auch für den Wandel der documenta selbst steht, meint Kimpel: "Kunst kann ja heute im Grunde nicht mehr provozieren - das ist ja alles möglich: inhaltlich, sachlich, medial. Was kann die Kunst noch bewirken, dass sich jemand drüber aufregt? Funktioniert gar nicht mehr. Damals sehr wohl noch. Da kommt Beuys ins Spiel, als Phänomen, an dem sich die Geister geschieden haben. Er war immer der Prüfstein für einen ganz bestimmten Kunstbegriff, der aber jetzt nicht mehr gilt. Es gibt keinen Kunstbegriff mehr. Es gibt nur noch Haltungen, die medial ganz unterschiedlich zum Ausdruck kommen, Attitüden."

Der Ursprung einer globalisierten Kunstausstellung

Die Kunst also weniger selbstreflexiv, vielmehr mit direktem Bezug zum sozialen Geschehen. Oder auch zum Ausstellungsort: In Kassel etwa öffnete sich die Weltkunstschau zunehmend. Man ging auf geschichtliche Spurensuche, fand Parallelen zwischen der im Krieg schwer zerstörten Provinzmetropole und aktuellen globalen Konflikten. Man ging hinein in die Stadt - und darüber hinaus: Bei vergangenen Ausgaben der documenta gab es im Vorfeld andernorts Plattformen, zuletzt eine symbolische Eröffnung in Kabul.

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Und jetzt Athen als zweiter Standort - was nur konsequent ist, findet Hans Eichel: "Die documenta hat sich globalisiert. Das hat übrigens ihr Gründer Arnold Bode schon in den 70er-Jahren vorausgedacht. Das heißt, sie ist wirklich das Weltereignis der Gegenwartskunst. Es ist längst mehr als nur eine Ausstellung. Die Folge dieser Globalisierung ist, dass es auch andere Standorte neben Kassel gibt, aber Kassel bleibt das Zentrum. Aber man muss auch etwas dafür tun, dass es Zentrum bleibt."

Und die anderen Kasseler? Zwischen der global und der doch eher lokal angesiedelten documenta ist man sich uneins, sogar in der Familie, wie der alte Herr auf dem Friedrichplatz erzählt. Man begegnet letztlich wohl auch dieser Wendung der Weltkunstschau mit einiger Gelassenheit: "Der Ursprung ist ja hier. Was hat Athen damit zu tun? Eigentlich gar nichts. Unsere Enkel fahren zwar nächste Woche da runter, um sich das anzusehen, aber dann wollen sie am 10. wieder hier sein, um die Eröffnung zu sehen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 06.06.2017 | 17:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/kunst/Die-documenta-im-Wandel,documenta138.html

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