Stand: 19.02.2016 17:39 Uhr

500 Jahre Vergänglichkeit

von Nadine Dietrich

Ganz nah ran, das gehört zu ihrem Job: Maire Müller-Andrae ist seit vielen Jahren Restauratorin in Lübeck. Ihr Spezial- und Lieblingsgebiet ist die mittelalterliche Sammlung des St. Annen-Museums. Für die Jahrhundertausstellung "Lübeck 1500", die im Januar zu Ende ging, hat sie allein 30 Kunstwerke restauriert. Zu ihrer Arbeit gehört auch, jeden Schaden, egal wie klein oder groß, zu fotografieren. Doch Müller-Andrae hält nicht einfach nur drauf, sie inszeniert diese Schäden. Dabei entstehen mit Bilder mit einer eigenen Ästhetik. 50 ihrer Fotografien sind nun großformatig in einer Sonderausstellung im Lübecker St. Annen-Museum zu sehen.

Der nagende Zahn der Zeit

Tausende Möglichkeiten für Fotografien

Skulpturen der Heiligen Familie, der Drachentöter St. Jürgen und die zu befreiende Prinzessin, Altargemälde und deren bemalte Rückseiten - "Ich fotografiere unglaublich viel. Immerhin habe ich 30 Objekte für die Ausstellung 'Lübeck 1500' Ausstellung restauriert, da kann man sich vielleicht vorstellen, dass viele Fotos existieren", sagt Müller-Andrae. "Ich halte jeden Schaden fest und brauche für jede Maßnahme einen Beleg. Da gibt es natürlich an so einem Objekt Tausende Möglichkeiten, Fotografien anzufertigen."

Schrundige Landschaften

Entstanden sind Bilder, die an moderne Kunst denken lassen. So geht es auch der Leiterin des St. Annen-Museums, Bettina Zöller-Stock: "Ich bin völlig fasziniert von der Wirkung dieser Detailfotos und von der 500 Jahre alten Oberfläche, die sich zeigt wie schrundige Landschaften oder abstrakte Gemälde. So ein stark farbiges und vielschichtiges Abbild einer nur zentimetergroßen Stelle an dem Lukas-Retabel ist für mich ein Gemälde zum Vertiefen."

Dem Künstler auf die Finger gucken

Das Moderne, das Abstrakte - es entsteht durch extreme Vergrößerungen und den künstlerischen Blick von Müller-Andrae. Die 100 mal 70 Zentimeter großen Fotografien wirken, selbst wenn die Betrachter nicht wissen, was eigentlich fotografiert wurde.

Bild vergrößern
Maire Müller-Andrae lenkt mit ihren Fotos den Blick aufs Detail.

Mit diesem Wissen ist plötzlich die Machart des mittelalterlichen Kunstwerks an einer winzigen Stelle erkennbar: Holz, Leinwand, Kreidegrund werden Schicht für Schicht sichtbar, mit oxidierten Versilberungen oder sich ablösendem Blattgold. Auf einer Fotografie wird zum Beispiel deutlich, wie es dem mittelalterlichen Künstler gelungen ist, Buchstaben in einer Altarinschrift golden und plastisch wirken zu lassen. "Da guckt man dem Künstler auf den Finger, und dann weiß man: Der hat da den Pinsel ins Hellgelbe, dort ins Ocker und ins Schwarze getaucht. An anderen Stellen wiederum ist die Farbe aufgestupft Man kann zugucken, wie das vor 500 Jahren hergestellt wurde."

500 Jahre Vergänglichkeit

Beim Betreten der Ausstellung fällt der Blick durch drei Räume hindurch auf das bildfüllende Seitenprofil eines jungen Mannes: Müller-Andrae hat den Kopf des Heiligen St. Jürgen fotografiert, eine Skulptur von Henning van der Heyde. Die vollen dunklen Locken, die schöne gerade Nase und die schlichte goldene Halskrause verschwinden in der Unschärfe, stattdessen im Fokus: eine abbröckelnde Wange. 500 Jahre Vergänglichkeit: "Man kann die unterschiedlichen Farbschichten sehen, man sieht, dass die Gesichtsfarbe vom Jürgen nicht einheitlich ist, die originale Farbe weggeblättert. Dann wieder ein Stückchen Farbschicht - alte Restaurierungsmaßnahmen, leider über die Originalfassung drüber. Das ist ein klassischer Zustand eines 500 Jahre alten Objektes."

Sowohl die extremen Vergrößerungen als auch die fast originalgetreuen Fotografien von Müller-Andrae lohnen einen Blick, weil die plötzlich entstehende abstrakte Kunst eine interessante Überraschung ist. Zudem: Der abgeblätterte Zustand der 500 Jahre alten Heiligen ist einfach berührend.

500 Jahre Vergänglichkeit

Im St. Annen-Museum in Lübeck zeigt eine Ausstellung Fotos restaurationsbedürftiger Kunstwerke aus dem Mittelalter. Die Fotos stammen von der Restauratorin selbst.

Datum:
Ende:
Ort:
St. Annen-Museum
St. Annen-Straße 15
23552  Lübeck
Preis:
Erwachsene / Ermäßigte / Kinder: 7 / 3,50 / 2,50 €
Hinweis:
Öffnungszeiten
01.01.-31.03. | Di-So | 11-17 Uhr
01.04.-31.12. | Di-So | 10-17 Uhr
In meinen Kalender eintragen