Audience Development
Der Begriff bezeichnet die strategische Erschließung neuen Publikums für Kultureinrichtungen mit Hilfe unterschiedlicher Vermittlungs-Funktionen. (Quelle: www.kulturvermittlung-online.de)
Nicht immer sind Kulturveranstaltungen ausverkauft. Die übrig gebliebenen Karten müssen aber nicht verfallen.
Die Vorstellung beginnt, aber die Reihen sind nicht vollbesetzt. Der Kommunikationsberaterin Angela Meyenburg fiel das häufig bei Kulturveranstaltungen auf und so kam sie auf die Idee, eine Kulturloge in Berlin zu gründen. "Also das Bedürfnis oder das Gefühl, dass manche Häuser mehr Gäste vertragen könnten oder vollere Reihen auch einfach gut wären, das hab ich schon lange, das hab ich auch durch meine Arbeit."
Seit über einem Jahr bringt Meyenburg Menschen mit einem Einkommen unter 900 Euro in Berlin ins Theater, ins Konzert oder ins Kabarett. Dafür müssen sie nichts zahlen, sondern sich einfach nur in Bibliotheken oder sozialen Einrichtungen anmelden.
Kulturlogen nennen sich diese Vermittlungsstellen der besonderen Art. Die erste Kulturloge in Deutschland entstand 2010 in Marburg. Die Veranstalter überlassen der Kulturloge kostenfrei ihre nicht verkaufbaren Karten. Ein Computerprogramm überwacht, in welcher Reihenfolge sie an die 5.000 registrierten Gäste vergeben werden. Die inzwischen 60 ehrenamtlichen Helfer laden jeden persönlich per Telefon ein. Für Meyenburg geht es nur auf diese direkte Weise, denn oft hätten die Kulturlogengäste zu Beginn Zweifel.
Ziel der Kulturloge ist es auch, Berührungsängste mit Kulturangeboten abzubauen.
"Bin ich denn da überhaupt erwünscht, hab ich das Richtige anzuziehen? Ach, ich war noch nie in einem Konzert oder ich war noch nie im Deutschen Theater. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt versteh'. Lauter Ängste, die bei Menschen, die eben nicht regelmäßig an kulturellen Orten sind, beziehungsweise sich dazu ein Bewusstsein geschaffen haben, das versuchen wir im Gespräch, im persönlichen Gespräch abzubauen. Und das gelingt uns eben auch."
Inwieweit diese Art von Kulturvermittlung erfolgreich ist, hat Dr. Birgit Mandel, Leiterin des Fachbereichs Kulturvermittlung und Kulturmanagement an der Universität Hildesheim, untersucht. Obwohl sie, wie sie zugeben muss, zunächst sehr skeptisch war: "Ich wurde eines Gegenteils belehrt und würde jetzt tatsächlich auch sagen, dass die Kulturloge ein sehr nachhaltiges und sehr effizientes Instrumentarium des Audience Developments ist. Allerdings natürlich eines, was absolut größtem auf ehrenamtlichen Einsatz und Engagement basiert."
Mandel fand heraus, dass die Kulturloge, neben den üblichen Nutzern mit hohem Bildungsstand, zu 50 Prozent auch Menschen mit mittlerer bis niedriger Bildung in Veranstaltungen bringt.
Dieser Erfolg für Gäste und Veranstalter spricht sich herum. In Hamburg gibt es eine Kulturloge seit Anfang des Jahres. In Göttingen und Celle gibt es erste Arbeitsgruppen und Anträge. Nach Auskunft des Celler Stadtsprechers Wolfgang Fischer ist geplant, künftig nicht verkaufte oder nicht abgeholte Theaterkarten kostenlos an Bedürftige abzugeben.
Ingrid Ehrhardt, Geschäftsführerin des Freiwilligenzentrums Hannover, möchte auch in Hannover eine Kulturloge gründen.
Und in Hannover ist Ingrid Ehrhardt vom Freiwilligenzentrum mit der Planung befasst. Sie würde sich gern mit dem Kulturbüro der Stadt Hannover und den verschieden Kunst- und Kulturinstitutionen an einen Tisch setzen und zu Kooperationen kommen. Ein Problem sieht sie allerdings: "Um es dann aber wirklich umzusetzen, müssten wir wenigstens schon eine zusätzliche halbe Stelle haben."
Denn Ehrhardt rechnet für das Einwerben von Karten und die persönliche Vermittlung mit zusätzlichem Organisationsaufwand. Einen Antrag für das neue Projekt will das Freiwilligenzentrum bis Ende des Jahres stellen. Die Stadt ist einer Kulturloge gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen.
Der Service, den Kulturlogen bieten, ist laut der Studie der Universität Hildesheim mit nichts in der Kulturwirtschaft vergleichbar und er mache die Kulturlogen schließlich so erfolgreich, erklärt Kulturwissenschaftlerin Mandel:
Kulturangebote kennenlernen: Die Kulturlogen-Mitarbeiter verstehen sich auch als Vermittler.
"Und auch da ist es natürlich oftmals so, dass die Angerufenen überhaupt nichts damit zunächst anfangen könnten, mit so einer Kultureinrichtung gar nichts verbinden, und dann sind auch wieder dieser Vermittler und Vermittlerinnen, die deutlich machen, dass es sich lohnt, sich auch auf ein solches kulturelles Experiment einzulassen"
In Marburg und Berlin gibt es seit über einem Jahr Karten für Kulturveranstaltungen umsonst. Und zwar für die, die sich etwa einen Konzertbesuch schlicht nicht leisten können. Und auch für die, die einfach nicht auf die Idee kämen, dass eine Oper live zu hören oder bei einem Kabarettabend zu lachen, ein Stück Lebensqualität sein kann.